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 FAQ zur Einführung der "Kapitänsregelung"
16.07.2024 10:05 Uhr

FAQ zur Einführung der "Kapitänsregelung"

Europas Topschiedsrichter und Nationalmannschaften haben es bei der UEFA EURO 2024 vorgemacht, jetzt hält die "Kapitänsregelung" auch Einzug in den deutschen Fußball. DFB.de hat die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema zusammengefasst.

Was hat es mit der Kapitänsregelung auf sich?

Es handelt sich um eine Anweisung, dass sich nur der Teamkapitän auf dem Spielfeld an den Schiedsrichter oder die Schiedsrichterin wenden darf, um eine wichtige Entscheidung erklärt zu bekommen.

Ab wann gilt das?

Mit Beginn der Saison 2024/2025 am 1. Juli 2024, also ab sofort – auch für Freundschaftsspiele. Vor allem in der Anfangsphase ist es zweifellos hilfreich, wenn die Schiris die Mannschaften im Vorfeld der Partie noch einmal auf die neue Verfahrensweise hinweist.

Wie ist der Ablauf?

Nach einer Entscheidung mit potenziell spielentscheidendem Charakter und möglichem Informationsbedarf zeigt der Schiedsrichter mit waagerecht ausgestrecktem Arm an, dass die Spieler*innen auf einer Mindestdistanz von 4 Metern bleiben sollen. Nur der Teamkapitän darf sich nähern und den Referee ansprechen.

Was passiert, wenn ein Spieler den Abstand nicht einhält?

Verstößt ein Spieler gegen die Weisung des Schiedsrichters, wird er mit der Gelben Karte verwarnt.

Und wenn der Torwart der Kapitän ist?

Dann muss dem Schiedsrichter vor Spielbeginn ein Feldspieler genannt werden, der den Unparteiischen ansprechen kann, falls sich weiter entfernt eine strittige Szene ereignet.

Muss der Schiedsrichter ab sofort mit dem Kapitän diskutieren?

Nein. Die Unparteiischen werden zwar dazu ermutigt, sich offen mit den Kapitänen auszutauschen, um eine respektvolle Atmosphäre zwischen allen Parteien zu schaffen und eine Vertrauensbasis zu den Spielern aufzubauen. Protestieren durch Worte oder Handlungen bleibt gemäß Regel 12 der Fußball-Regeln aber ein verwarnungswürdiges Vergehen, sodass der Schiri nach wie vor die Gelbe Karte zeigen kann, falls der Kapitän sich zu lautstark oder vehement beschwert.

Wer hat über die Einführung entschieden?

Die Entscheidung, die "Kapitänsregelung" einheitlich im gesamten deutschen Spielbetrieb zu übernehmen, trafen die DFB Schiri GmbH, der DFB e. V. und die DFL in Gesprächen gemeinsam und einmütig. Die Regelung gilt entsprechend sowohl in den drei Profiligen der Männer als auch in den Frauen-Bundesligen, sämtlichen Amateurspielklassen, allen Pokalwettbewerben und dem Jugendbereich.

Welche Ziele werden durch die Regelung verfolgt?

Durch die neue Regelung soll eine zielgerichtete Information an die Mannschaft durch schnelle und direkte Kommunikation ermöglicht werden – dank klarer Strukturen und Verhaltensvorgaben für alle Beteiligten. Mehr Transparenz auf dem Spielfeld erhöht die Akzeptanz der Entscheidung. Dass der Schiri seine Sichtweise nur noch dem Kapitän erklärt und nicht mehr mit allen Spielern diskutiert, verkürzt die Unterbrechungen und steigert die Netto-Spielzeit.

Wie waren die Praxiserfahrungen bei der Premiere während der Europameisterschaft?

Bei der erstmaligen Umsetzung sorgte die Kapitänsregelung für einen respektvolleren Umgang mit den Unparteiischen sowie für ein positives Echo in den Medien und der Öffentlichkeit.

 "Kapitänsregelung" wird in allen deutschen Spielklassen eingeführt
16.07.2024 10:00 Uhr

"Kapitänsregelung" wird in allen deutschen Spielklassen eingeführt

Bei der am Sonntag zu Ende gegangenen UEFA EURO 2024 ist sie auf große Zustimmung gestoßen, nun wird sie auch in Deutschland zum Saisonbeginn einheitlich in allen Spielklassen eingeführt: die Anweisung, dass sich nur der Mannschaftskapitän an den Schiedsrichter oder die Schiedsrichterin wenden darf, um eine wichtige Entscheidung erklärt zu bekommen. Die Kapitäne sind zudem dafür verantwortlich, dass ihre Mitspieler*innen die Unparteiischen respektieren, Abstand halten und sie nicht bedrängen. Ein Spieler, der die Rolle seines Kapitäns ignoriert, beim Referee reklamiert oder sich respektlos verhält, wird verwarnt.

Wenn der Torwart des Teams das Kapitänsamt innehat, wird vor dem Spiel ein Feldspieler bestimmt, der den Schiedsrichter ansprechen kann, falls sich am anderen Ende des Spielfeldes eine strittige Szene ereignet. Die Unparteiischen werden ihrerseits dazu ermutigt, sich im Dialog mit den Kapitänen auszutauschen, um eine respektvolle Atmosphäre zwischen allen Parteien zu schaffen und eine Vertrauensbasis zu den Spieler*innen aufzubauen.

Gemeinsame Entscheidung von DFB Schiri GmbH, DFB e.V. und DFL

Die Entscheidung, die "Kapitänsregelung" einheitlich im gesamten deutschen Spielbetrieb zu übernehmen, trafen die DFB Schiri GmbH, der DFB e.V. und die DFL in Gesprächen gemeinsam und einmütig. Die Regelung gilt entsprechend sowohl in den drei Profiligen der Männer als auch in den Frauen-Bundesligen, sämtlichen Amateurspielklassen, allen Pokalwettbewerben und dem Jugendbereich. Sie wurde bei der EURO 2024 in Deutschland erstmals umgesetzt und sorgte für einen respektvolleren Umgang mit den Unparteiischen sowie für ein positives Echo in den Medien und der Öffentlichkeit.

Gemeinsam beschlossen wurde in den Gesprächen zudem, dass die Schiedsrichter*innen in allen Spielklassen präventiv agieren sollen, wenn die Torhüter*innen den Ball deutlich länger als die erlaubten sechs Sekunden mit den Händen kontrollieren, und klare Verstöße gegen diese Regelung konsequenter als bisher sanktionieren. Das Gleiche gilt für Einwürfe: Auch hier sollen die Referees proaktiv auf eine korrekte Ausführung hinwirken und eindeutig falsche Einwürfe ahnden.

Weiter konsequente Ahndung von Unsportlichkeiten und groben Fouls

Präventive Ansprachen an die Spieler*innen im Vorfeld von Freistößen in Tornähe und Strafstößen sollen die Unparteiischen zwar vornehmen, aber nicht in dem Maße ausdehnen, wie es teilweise bei der Europameisterschaft zu beobachten war. Bei der Bemessung der Nachspielzeit sollen die Schiedsrichter*innen die bewährte Praxis der vergangenen Saison beibehalten und verlorene Spielzeit konsequent nachspielen lassen.

Ebenfalls fortgesetzt werden soll das entschlossene Vorgehen der Referees gegen unsportliches Verhalten jeglicher Art. Dazu gehören nicht nur Respektlosigkeiten gegenüber den Unparteiischen, sondern beispielsweise auch Spielverzögerungen wie das Ballwegschlagen und -tragen. Auch die konsequente Ahndung gesundheitsgefährdender Foulspiele mit der Roten Karte, wie sie in der vergangenen Saison praktiziert wurde, soll weiterhin erfolgen.

Stimmen zur Einführung der "Kapitänsregelung"

Knut Kircher (Geschäftsführer Sport und Kommunikation DFB Schiri GmbH): "Alles, was dem Image des Fußballs gut tut, werden wir hundertprozentig und konsequent als Schiedsrichter unterstützen! Uns ist dabei sehr bewusst, dass wir in den drei Profiligen und im DFB-Pokal eine Vorbildrolle einnehmen, der wir auch jederzeit gerecht werden wollen."

Ansgar Schwenken (DFL-Direktor Spielbetrieb & Fans): "Nachdem wir uns in der Kommission Fußball und in Abstimmung mit dem Bund Deutscher Fußball-Lehrer bereits in der vergangenen Saison für ein rigoroses Ahnden von Unsportlichkeiten stark gemacht haben, ist die Umsetzung der 'Kapitänsregelung' der logische nächste Schritt für noch mehr Fairness und Respekt."

Ronny Zimmermann (DFB-Vizepräsident): "Einfach nur positiv, in jeglicher Hinsicht! Schnellere Spielfortsetzungen und ein erheblich respektvollerer Umgang miteinander, um nur zwei Aspekte zu nennen. Eine tolle Sache, die hervorragend zu unserer Linie der vergangenen Jahre passt. Ich hoffe auf sehr viele positive Effekte, insbesondere im Amateurfußball."

Christine Baitinger (Sportliche Leiterin DFB-Schiedsrichterinnen): "Ich begrüße die 'Kapitänsregelung' sehr! Die Europameisterschaft hat uns gezeigt, dass dadurch auch wieder im Fußball respektvoller miteinander umgegangen wird. Dies wird uns in allen Spielklassen helfen."

Udo Penßler-Beyer (Vorsitzender DFB-Schiedsrichter-Ausschuss): "Ich verspreche mir von der Einführung der 'Kapitänsregelung' gerade auch im Amateurbereich einen deutlich respektvolleren Umgang miteinander. Der Schiedsrichter muss nicht mehr mit mehreren Spielern gleichzeitig unter Bedrängnis kommunizieren und kann seine Botschaft kurz und prägnant an den Kapitän übermitteln. Ein respektvollerer Umgang auf dem Spielfeld sollte sich dann auch positiv auf den Zuschauerbereich auswirken. Die Europameisterschaft hat bewiesen, dass es funktioniert."

Lutz Wagner (DFB-Schiedsrichter-Lehrwart): "Die Einführung ist nicht nur sinnvoll und praxisgerecht, sie hilft auch dem Fußball bis an die Basis. Zudem ist sie sehr einfach umsetzbar, da es keinerlei regeltechnische Veränderungen braucht, sondern nur der Ablauf der Kommunikation zwischen dem Schiedsrichter und dem Kapitän klar definiert wird. Für alle Beteiligten gibt es zudem auch ein kurzes prägnantes Informationsblatt, damit alle auf dem selben Sachstand sind."

 Weltmeister Thomas Müller beendet Karriere im Nationalteam
15.07.2024 10:55 Uhr

Weltmeister Thomas Müller beendet Karriere im Nationalteam

Weltmeister Thomas Müller hat seine Karriere in der Nationalmannschaft beendet. Das 1:2 gegen Spanien im Viertelfinale der EURO 2024 war das letzte Spiel des 34 Jahre alten Offensivallrounders im Trikot der Nationalmannschaft.

"Als ich vor über 14 Jahren mein erstes Länderspiel absolvieren durfte, hätte ich mir all das nicht erträumen lassen", teilte Müller heute in einer Videobotschaft mit. "Nach 131 Länderspielen mit 45 Toren sage ich dem Bundesadler heute Servus." Er habe mit dem DFB-Team "großartige Siege und bittere Niederlagen" erlebt. "Manchmal am Boden zerstört, um dann wieder aufzustehen - im Wettkampf mit den besten Spielern der Welt und an der Seite von fantastischen Mitspielern, mit denen ich viele unvergessliche Momente erlebt habe."

Insgesamt spielte Müller 131-mal für das DFB-Team, in der Liste der deutschen Rekordspieler liegen allein Lothar Matthäus (150) und Miroslav Klose (137) vor ihm. Unter den Toptorschützen der Nationalmannschaft liegt Thomas Müller mit 45 Treffern gemeinsam mit Karl-Heinz Rummenigge auf Platz sieben. Und nur Lothar Matthäus hat unter den deutschen Fußballern mit fünf WM-Teilnahmen eine mehr als Thomas Müller.

WM 2010: Torschützenkönig und bester junger Spieler

Sein Debüt in der A-Nationalmannschaft gab Müller am 3. März 2010 in München gegen Argentinien. Bereits wenige Monate später gelang ihm bei der WM in Südafrika der Durchbruch. Mit fünf Treffern wurde der damals 20-Jährige als dritter Deutscher nach Gerd Müller (1970) und Miroslav Klose (2006) Torschützenkönig einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ohne den gelbgesperrten Thomas Müller verlor die deutsche Mannschaft das WM-Halbfinale gegen Spanien mit 0:1, das Spiel um Platz drei gewann die DFB-Auswahl nicht zuletzt dank eines Müller-Treffers gegen Uruguay mit 3:2. Neben dem Goldenen Ball erhielt Müller auch die Auszeichnung als bester junger Spieler. Bei der EM 2012 in Polen und der Ukraine erreichte er mit dem Team das Halbfinale.

Den größten Erfolg seiner Karriere feierte Müller 2014 in Brasilien. Im ersten Vorrundenspiel gegen Portugal legte er beim 4:0 mit seinen drei Toren den Grundstein für ein erfolgreiches Turnier. Sein 1:0-Siegtreffer gegen die USA brachte die Qualifikation fürs Achtelfinale. Und im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien war es Müller, der den ersten von sieben deutschen Treffern erzielte.

Weltmeister 2014 in Rio

Die Krönung folgte fünf Tage später in Rio de Janeiro: Nach dem 1:0-Finalerfolg nach Verlängerung gegen Argentinien feierten Müller und seine Mitspieler den WM-Titel, den vierten Stern für Deutschland. Neben Gold gab es für Thomas Müller auch zweimal Silber: als zweitbester Spieler und zweitbester Torjäger der WM-Endrunde.

Für Müller folgten weitere zwei Welt- und drei Europameisterschaften. Am weitesten ging es bei der EM 2016 in Frankreich. In Marseille scheiterten die Deutschen unglücklich mit 0:2 am Gastgeber. Bei der wegen der COVID-19-Pandemie verschobenen paneuropäischen EM 2021 erlebte Müller drei Spiele in seiner Heimatstadt München, ehe das Turnier im Achtelfinale in London gegen England endete (0:2).

Neuendorf: "Müller ist ein mustergültiger Profi und echter Typ"

DFB-Präsident Bernd Neuendorf sagt: "Thomas Müller ist ein in jeder Hinsicht außergewöhnlicher Fußballer – ein mustergültiger Profi und ein echter Typ. Seine Leistungen und seine Titel sprechen für sich. Er hat einen der erfolgreichsten Abschnitte in der Geschichte unserer Nationalmannschaft mit seinen Toren und seinem Spielwitz wesentlich mitgeprägt, gekrönt durch den WM-Titel 2014 in Brasilien. Ich habe an Thomas Müller immer seine fußballerische Qualität bewundert. Aber auch seinen bodenständigen Charakter, seinen Humor und seine Klugheit. Der Spieler Thomas Müller wird unserer Mannschaft fehlen, der Mensch Thomas Müller mindestens genauso sehr."

Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärt: "Ich bin dankbar dafür, dass ich Thomas einen Teil seiner Karriere begleiten durfte, bei der Nationalmannschaft und beim FC Bayern. Es war mir eine Freude, mit ihm zusammenzuarbeiten. Thomas ist ein leidenschaftlicher Profi, der für den Fußball noch immer genauso brennt wie am ersten Tag. Er hat unser EM-Team nicht nur mit seinen sportlichen Qualitäten bereichert, sondern auch als Anführer, als Vorbild, als Identifikationsfigur. Ich habe Thomas als einen sehr intelligenten Spieler erlebt – fußballerisch, emotional und ganz grundsätzlich. So sehr ich es bedaure, dass er nun nicht mehr bei uns dabei sein wird, so groß ist meine Hoffnung, dass Thomas den deutschen Fußball auch in Zukunft prägen wird – als Spieler des FC Bayern und zukünftig auch in weiteren Rollen. Wir werden ihn in der Nationalmannschaft sehr vermissen."

Rudi Völler: "Keiner ist wie Thomas Müller"

Rudi Völler, Direktor der Nationalmannschaft, sagt: "Keiner ist wie Thomas Müller. Seinen Wert für den deutschen Fußball kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Egal, ob in all den Jahren beim FC Bayern oder bei der Nationalmannschaft – mit Thomas hat jedes Team neben einem Topstürmer immer auch ein Gesicht bekommen, einen vorbildlichen Charakter. Sein Spiel ist unorthodox, intuitiv, unberechenbar und genau deswegen erfolgreich."

Der DFB-Sportdirektor weiter: "Leider habe ich ihn erst am Ende seiner Nationalmannschaftskarriere richtig kennengelernt. Wie er bei der Europameisterschaft vorangegangen ist, wie er den anderen Spielern geholfen, sie unterstützt und motiviert hat, das war beeindruckend. In den fünf Wochen unseres Zusammenseins im Trainingscamp war Thomas ein ganz wichtiger Faktor für die Gruppe, ein wunderbarer Turnierspieler. Für mich – und vielleicht ja auch für ihn – ist es eine schöne Erinnerung, dass er in meinem Aushilfsspiel als Bundestrainer gegen Frankreich im vergangenen September in Dortmund sein letztes Länderspieltor geschossen hat. Ich hatte ihn von Beginn an aufgestellt, und Thomas hat schon nach vier Minuten geliefert und die zuvor belastete Stimmung zwischen Fans und Mannschaft in unsere Richtung gedreht. Auch das charakterisiert ihn: Er ist da, wenn man ihn braucht. Bei den Bayern macht Thomas weiter – beim DFB wird er uns fehlen."

 Musiala einer von sechs EM-Torschützenkönigen
14.07.2024 23:45 Uhr

Musiala einer von sechs EM-Torschützenkönigen

Sechs Spieler müssen sich nach der EM in Deutschland den Goldenen Schuh für den besten Turnier-Torschützen teilen. Darunter ist auch ein Deutscher: Jamal Musiala hat ebenso drei Tore erzielt wie Spaniens Europameister Dani Olmo, der Engländer Harry Kane oder der Slowake Ivan Schranz. Auch Cody Gakpo (Niederlande) und Georges Mikautadse (Georgien) haben dreimal getroffen.

Die Tore waren das einzige Kriterium für die Auszeichnung - wieviele Treffer ein Spieler zusätzlich vorbereitete oder wieviele Einsatzminuten er hatte, war unerheblich.

Spanien ballert sich zum Rekord-Titel
14.07.2024 22:55 Uhr

Spanien ballert sich zum Rekord-Titel

Die spanische Titelparty mit dem König begann noch auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions - und soll erst spät an diesem Montag in Madrid enden. Die neuen Europameister feierten nach dem 2:1 (0:0) gegen die am Ende bitter enttäuschten Engländer ausgelassen. "Oh mein Gott. Was für ein Tag. Wahrscheinlich der schönste Tag meiner Fußball-Karriere", sagte Rodri, der zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde.

Der spanische König Felipe VI. und Tochter Sofía hatten erst auf der Ehrentribüne mitgefiebert und waren dann zur Übergabe des EM-Pokals runter zu den Spielern gekommen. Noch am Abend veröffentlichte der spanische Verband den Zeitplan für die Fans: Die Auswahl von Trainer Luis de la Fuente soll um 14:10 Uhr auf dem Flughafen Madrid landen. Von dort geht es Richtung Rathaus, wo ab 20.00 Uhr mit Zehntausenden Menschen gefeiert werden soll. Ende offen.

Schon Mitternacht? Kein Problem!

"Ich bin stolz und glücklich", sagte de la Fuente spät am Sonntagabend - die Zeit war aber kein Problem. "Mitternacht ist eigentlich recht früh", sagte der Nationaltrainer mit Blick auch auf die Heimat. Die Menschen in Spanien hätten "jeden Grund, jetzt rauszugehen und zu feiern. Ich freue mich, dass die Leute da sind." Da sei auch niemand sauer, wenn jemand zu spät zur Arbeit komme. Die Arbeitgeber würden ja "auch feiern" wollen, sagte der Nationaltrainer.

Es sei ein "wunderbarer Tag für uns", äußerte de la Fuente unmittelbar nach dem Schlusspfiff. "Meine Mannschaft hat verdient gewonnen. Danke an ganz Spanien für die Unterstützung. Man kann immer besser werden. Das ist vielleicht ein bisschen unser Geheimnis: Wir können immer besser werden."

Auf dem Weg ins Finale hatte die Furia Roja die deutsche Nationalmannschaft im Viertelfinale aus dem Turnier geworfen. Marc Cucurella, der den Ball in der Verlängerung gegen die DFB-Auswahl im Strafraum an die Hand bekommen, damit aber keinen Strafstoß verursacht hatte, wurde auch im Finale lange von einigen Fans ausgepfiffen. Spät am Abend feierte der 25-Jährige überglücklich mit seinen Teamkollegen.

Würdige Nachfolger der großen Sieger

Bei den vergangenen Turnieren hatten die Spanier ihre Mühe damit gehabt, in die übergroßen Fußstapfen der Europameister und Weltmeister von 2008, 2010 und 2012 zu treten. Spieler wie Xavi, Andrés Iniesta und Fernando Torres hatten eine Ära geprägt. Zwölf Jahre nach dem dritten EM-Titel jubelten in Berlin insbesondere auch der 17 Jahre alte Lamine Yamal und der 22-jährige Nico Williams, die das spanische Spiel während des Turniers geprägt hatten. Williams erzielte nach Vorlage von Yamal das Führungstor in der 47. Minute. 

"Ein Traum ist wahr geworden. Ich freue mich schon, wenn ich zurück nach Spanien komme", sagte Yamal, der am Samstag seinen 17. Geburtstag in Deutschland gefeiert hatte. "Am Anfang war es sehr schwierig. Wir haben es geschafft. Wir kämpfen immer weiter." Williams schaute konkret auf die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA voraus: "Wir haben es uns verdient, auch unsere Freunde, die Fans. Hoffentlich geht es so weiter - auch bei der Weltmeisterschaft."

Englands Fußballqual dauert an

Den Engländern blieb am Sonntag nichts als der stille Abschied. Wie vor drei Jahren im heimischen Wembley-Stadion gegen Italien reichte es im Endspiel nicht ganz. Zwar gelang Cole Palmer (73.) der zwischenzeitliche Ausgleich. Doch Mikel Oyarzabal (86.) ließ Spanien jubeln - nichts war es mit dem Ende der Leidenszeit des Wartens auf den zweiten großen Titel nach dem Sieg im WM-Finale 1966.

"Ein Finale zu verlieren, ist sehr, sehr hart", sagte Nationaltrainer Gareth Southgate, der sich nur ausweichend zu seiner eigenen beruflichen Zukunft äußerte. Das sei jetzt nicht der Zeitpunkt, sagte der frühere Weltklasse-Verteidiger. Aufmunternde Worte gab es aus der Heimat von König Charles III. "Auch wenn Ihnen der Sieg heute Abend verwehrt geblieben ist, möchten meine Frau und ich Sie und Ihr Team mit meiner ganzen Familie auffordern, den Kopf hochzuhalten", heißt es in einem bei X geteilten Schreiben des Königs an Southgate.

Für Verwunderung sorgte die frühere Auswechslung von Kapitän Harry Kane nach gut einer Stunde. Allerdings wirkte der Bayern-Star auch wie ein Fremdkörper im englischen Spiel. Kane sei mit einer Verletzung in das Turnier gegangen, sagte Southgate. Der Stürmer selbst, der auch persönlich weiter auf einen Titel warten muss, war sichtlich enttäuscht. "Es ist extrem schmerzhaft und wird noch lange wehtun", sagte Kane.

 Oyarzabal trifft: Spanien ist Europameister
14.07.2024 22:55 Uhr

Oyarzabal trifft: Spanien ist Europameister

Der neue Europameister heißt Spanien: Die Iberer setzten sich im Finale der EURO 2024 im mit 71.000 Besuchern ausverkauften Berliner Olympiastadion 2:1 (0:0) gegen England durch. Mikel Oyarzabal schoss die "Furia Roja" in der 86. Minute zum vierten Titel nach 1964, 2008 und 2012. Zuvor hatten Nico Williams für die Spanier (47.) und Cole Palmer für England (73.) getroffen.

Die Spanier hatten von Beginn an deutlich mehr Ballbesitz, kamen aber zunächst ebenso wenig zu Abschlüssen, wie die Engländer, die eher auf Umschaltspiel lauerten. Das erste offensive Ausrufezeichen setzte Spanien über Williams, der über links in den Strafraum eindrang, von John Stones per Grätsche im letzten Moment am Abschluss gehindert wurde (12.). Danach spielte sich das Geschehen meist zwischen den Strafräumen ab. Erst Phil Foden sorgte nach einem Freistoß aus spitzem Winkel wieder für Gefahr (45.+1).

Williams legt vor, Palmer gleicht aus

Die zweite Halbzeit begann mit einem Paukenschlag: Williams war nach einem Querpass plötzlich mutterseelenallein im Strafraum und netzte sicher ins lange Eck ein (47.). Die Spanier hatten nun Chancen im Minutentakt, doch Dani Olmo (49.), Alvaro Morata (55.), Williams (56.) und Lamine Yamal (66.) verzogen oder scheiterten an Keeper Jordan Pickford.

So kamen die Engländer fast aus dem Nichts zurück ins Spiel: Bukayo Saka passte nach innen, Jude Bellingham legte ab und Joker Palmer schlenzte den Ball aus 20 Metern unhaltbar für Unai Simon neben den Pfosten (73.). Die Partie beruhigte sich danach ein wenig, ehe Yamal freistehend das 2:1 auf dem Fuß hatte, aber in Pickford seinen Meister fand (81.). Dann kam der große Auftritt des eingewechselten Oyarzabal in der Schlussphase. England hatte noch eine doppelte Kopfballchance durch Declan Rice und Bukayo Saka (90.), konnte die zweite EM-Finalniederlage in Folge aber nicht verhindern.

 Löw: "Schlusspfiff war vielleicht der schönste Moment überhaupt"
13.07.2024 11:30 Uhr

Löw: "Schlusspfiff war vielleicht der schönste Moment überhaupt"

Am 13. Juli 2014 gewann Deutschland in Rio de Janeiro den vierten Stern. Das WM-Finale war eine epische Partie, die viele Dramen und Wendungen enthielt und an deren Ende der Triumph stand. Zehn Jahre nach dem Titelgewinn erinnert sich Weltmeistertrainer Joachim Löw an das Spiel gegen Argentinien und an die lange Nacht von Rio.

Vor dem Finale stand für uns ein Abschied an. Wir mussten das Campo Bahia verlassen, den Ort, der uns so ans Herz gewachsen ist, an dem wir gewachsen und zusammengewachsen sind. Es fiel uns nicht leicht, die Menschen dort zu verlassen, es war aber ein schönes Gefühl, ihre vielen guten Wünsche und viele schöne Erinnerungen mitzunehmen. Wir kehrten nach Rio zurück, wo wir schon beim 1:0-Sieg im Viertelfinale gegen Frankreich gespielt hatten. Im Finale ging es gegen Argentinien und damit in der Rückschau irgendwie gegen den logischen Gegner. Schon zwei Mal zuvor standen sich diese beiden Nationen im WM-Finale gegenüber, und auch auf meinem und unserem Weg mit der Nationalmannschaft war Argentinien neben Spanien die Mannschaft, die uns am meisten und stärksten gefordert hatte.

Bei der WM 2010 in Südafrika hatten wir gegen sie im Viertelfinale ein überragendes Spiel gemacht, fast alles hat funktioniert, fast alles ist aufgegangen. Arne weiß, wie ich das meine, aber: Wenn selbst Arne Friedrich ein Tor erzielt, dann muss es ein besonderer Tag gewesen sein. Wir waren voll im Flow und auf dem höchsten Level was Konzentration, Laufleistung, Spielfreude, Klarheit, Wachheit, Zweikampfhärte betrifft. Argentinien hatte eine richtig starke Mannschaft, mit vielen gefährlichen Offensivspielern, auch mit einer Kompaktheit und auch mit individueller Klasse in der Defensive. Schon bei der WM 2006 hatten wir gegen sie gewonnen, aber damals waren sie noch die bessere Mannschaft, unser Sieg im Viertelfinale war glücklich. 2010 war es anders. Wir waren aufsässig, stark im Spiel nach vorne, überzeugt von uns und unseren Fähigkeiten – das hatte Wirkung auf Argentinien. In jeglicher Hinsicht waren wir ihnen überlegen: läuferisch, spielerisch, kämpferisch. Damit haben wir Argentinien Minute um Minute mehr demoralisiert, das 4:0 am Ende war nicht zu hoch. Für das WM-Finale 2014 hieß das nicht viel, aber immerhin: Wir wussten, dass wir sie schlagen können, ein Angstgegner war Argentinien für uns nicht.

"Und dann kommt der Mario in so ein Finale rein..."

Die Intensität eines WM-Finales ist schwer zu greifen und noch schwerer zu beschreiben. Ich war die ganze Zeit positiv, das kann ich sagen. Meine Mannschaft und meine Spieler haben ausgestrahlt, dass sie wussten, dass ihre Zeit gekommen ist. Wir waren einen langen Weg gegangen, hatten Rückschläge verkraftet, waren gemein gewachsen und zusammengewachsen und immer besser geworden. Ich war sehr optimistisch, dass wir nicht an uns selbst scheitern, dass wir das Finale nicht deswegen verlieren würden, weil wir unser Limit nicht erreichen. Argentinien, das war mir klar, würde besser Fußball spielen müssen als wir. Und ich wusste, dass sie das normalerweise nicht können.

Vor dem Spiel war für uns die Frage: Spielt Mario oder spielt Miro? Wir haben gegrübelt, welche Konstellation erfolgversprechender ist. Wir standen vor einem WM-Finale, es war klar, dass uns Knochenarbeit erwarten würde, unglaubliche Widerstände. Wir mussten abwägen: Ist Miro jemand, der, wenn er kommt und frisch ist, für einen müder werdenden Gegner nicht zu halten ist? Oder ist es für uns besser, wenn Miro von Beginn an spielt und den Gegner fordert. Für diese Variante haben wir uns dann entschieden.

Wir wussten, dass die Verteidiger von Beginn an unter Druck sein würden, wenn Miro spielt. Dass sie viel arbeiten müssen und dass es auch in ihren Köpfen arbeiten wird. Es löst etwas in den Gegenspielern aus, wenn sie wissen, dass der beste Torschütze der WM-Geschichte auf dem Platz steht. Miro müssen immer zwei in Schach halten, auf Miro muss man in jeder Sekunde aufpassen. Das kostet Nerven und Kraft und macht dem Gegner Stress. Unser Kalkül war: 'Und dann kommt der Mario in so ein Finale rein, ist frisch und trifft auf ausgelaugte Gegenspieler, die sich auf seine Art erst einstellen müssen.'

"Die Dramaturgie kann man sich nicht ausdenken"

Die Dramaturgie des Finals kann man sich nicht ausdenken. Sami Khedira kann ich nicht genug nicht loben. Es gehört sehr viel dazu, sich einzugestehen, dass es nicht geht und auf ein WM-Finale zu verzichten. Wer seinen Ehrgeiz kennt, der weiß, wie schwer ihm dies gefallen sein muss. Er hat für die Mannschaft gehandelt und seine Interessen nach hinten geschoben. Sein Beispiel ist das wohl eindrucksvollste von vielen, die für den besonderen Geist in dieser Mannschaft stehen und die sich während der WM 2014 ereignet haben.

Mit dem Ausfall von Khedira hatte das Spiel schon vor dem Anpfiff eine Wendung bekommen. Nach dem Anpfiff kamen weitere hinzu. Die Partie war ausgeglichen, aber, das muss man zugegen, Argentinien hatte zunächst die besseren Chancen. Gonzalo Higuain hatte mehrfach das 1:0 auf dem Fuß, und hätte ihm ein anderer Torwart als Manuel Neuer gegenüberstanden, mindestens eine der Chancen hätte er genutzt. Wir haben eine Weile benötigt, um ins Spiel zu finden, natürlich auch wegen der Gehirnerschütterung von Christoph Kramer, die uns dazu zwang, schon früh zu tauschen.

"Schweini, der alles und mehr von sich gegeben hat"

Je länger das Spiel ging, desto besser haben wir hineingefunden und die Härte der Argentinier angenommen. Bastian Schweinsteiger war schon vor diesem Spiel groß, in diesem Spiel ist er noch einmal gewachsen. Basti war vor der WM einige Wochen verletzt, er ging angeschlagen ins Turnier. Im Laufe der WM ist er immer stärker und immer wichtiger geworden. Im Finale hat er das Spiel seines Lebens gemacht. Allen voran bei ihm hat man gespürt, dass er alles, was er an Energie hat, in dieses eine Spiel geben will.

Er war 2006 dabei, 2010, 2012, immer war es knapp, nie hat es gereicht. Diesen großen Titel wollte er jetzt mit jeder Faser. Er war unser emotionaler Leader, nie war das spürbarer als an diesem Abend. Gegen Argentinien war er unfassbar gut. Seine läuferische Leistung, seine Haltung, seine Ausstrahlung - alles bei ihm war extrem. Die Organisation, wie er sich in die Zweikämpfe geworfen hat, im wichtigsten Spiel seiner Karriere hat er seine beste Leistung abgerufen. Dass er sich dann auch noch diese Platzwunde zugezogen hat, war fast wie gemalt. Es sind ikonische Bilder entstanden, Schweini der Krieger, der Kämpfer, der alles und mehr von sich gegeben hat.

"Das Tor ist ein Kunstwerk"

In den 90 Minuten der regulären Spielzeit gab es auf beiden Seiten einige Chancen, richtig zwingend wurde keine von ihnen. So ging es torlos in die Verlängerung, das Drama spitzte sich zu. Für die Verlängerung hatten wir Mario Götze eingewechselt, das, was ich zu ihm in diesem Augenblick gesagt habe, war spontan. Messi war damals der beste Spieler der Welt. Viele waren sicher, dass er das Spiel entscheiden wird. Ich war sicher, dass wir dies verhindern und dass unser Moment gekommen ist.

Deswegen habe ich zu Mario gesagt, dass er der Welt zeigen soll, dass er besser ist und dass er dieses Spiel entscheiden wird. Sein Moment kam in der 113. Minute, Toni Kroos schickte André Schürrle auf der linken Seite und dann kam: Geschichte. Götze macht ihn. Und wie er ihn machte. Das Tor ist ein Kunstwerk, unglaublich anspruchsvoll, es war ein Treffer, den so nur ganz wenige Fußballer zu Stande bringen. Mario gehörte dazu. Und es passte, dass die Flanke von Schü kam, seinem Kumpel, dessen Leistungen bei diesem Turnier und in diesem Spiel manchmal zu wenig gewürdigt werden.

Wenn ich hier einzelne Spieler lobe, dann können sich alle angesprochen fühlen. Zu diesem Titel hat der ganze Kader beigetragen, es gab nicht einen Spieler, der seine Rolle nicht grandios erfüllt hätte. Die Stimmung in der Mannschaft, das Niveau im Training, die Energie auf der Bank, auch die Kompetenz und die Hingabe im Betreuerteam – all das war wesentlich, nichts davon kann aus dieser Geschichte entfernt werden.

"Eine unglaubliche, eine unbeschreibliche Freude"

Das Glücksgefühl, das einen unmittelbar nach dem Schlusspfiff durchströmt, lässt sich kaum beschreiben. Der Schlusspfiff war vielleicht der schönste Moment überhaupt. Die Sekunde, in der ich so richtig realisierte, dass das Spiel zu Ende ist, war, als mir Andy Köpke und Oliver Bierhoff und Hansi Flick und einige andere um den Hals gefallen sind. Da habe ich gewusst: 'Jetzt sind wir Weltmeister, jetzt kann uns das keiner mehr nehmen.'

In diesen Sekunden spürte ich eine unglaubliche, eine unbeschreibliche Freude. Alles, was danach kam, die Zeremonie, die Pokalübergabe, das läuft irgendwie an einem vorbei. Man weiß dann gar nicht, mit wem man sich umarmt, mit wem man sich unterhält, wer einem alles gratuliert und wem man gratuliert. In der Nacht nach dem Finale habe ich schnell gemerkt, dass ich platt und unendlich müde bin. Wenn mich früher jemand gefragt hätte, wie ich mich nach einem WM-Titel verhalte, wäre meine Prognose eine zweitägige Feier gewesen. Aber ich war durch, völlig hinüber. Die Feier konnte ich nicht richtig genießen. Vergleichsweise früh habe ich mich verabschiedet und bin ins Bett gegangen. Alle haben mich angeschaut, als wäre ich ein Außerirdischer, niemand konnte glauben, dass ich mich schon zurückziehe. Aber es ging nicht anders. Ich war müde, völlig am Ende, ausgelaugt, ich musste schlafen.

"Das Gefühl, Weltmeister zu sein, war nie intensiver"

Es war einfach sehr anstrengend. Der Tag des Finals und auch alles, was davor war, hat Kraft gekostet, mentale Kraft vor allem. Ich bin dann ins Bett gegangen und fast sofort eingeschlafen. Als ich nach zwei, drei Stunden wieder wach wurde, musste ich mich erst orientieren. Dass wir am Abend zuvor Weltmeister geworden waren, habe ich erst gespürt und dann gewusst. Ich bin dann runter zum Frühstück und wollte die Ruhe genießen.

Aber ich war nicht der Einzige, es waren noch ein paar Spieler vom Vorabend da. Es waren wunderschöne Augenblicke mit den Spielern, dieser Morgen danach war intensiv, innig, es waren Genussmomente. Das Gefühl, Weltmeister zu sein, war nie intensiver als an diesem Morgen und in diesen Stunden. Aber seither ist es immer spürbar, es begleitet mich und uns und wird immer Teil unserer Leben sein.

 Heute vor zehn Jahren: Der vierte Stern
13.07.2024 10:00 Uhr

Heute vor zehn Jahren: Der vierte Stern

Heute jährt sich der vierte deutsche Weltmeistertitel zum zehnten Mal. DFB.de blickt zurück auf die legendären Tage von Campo Bahia, endend mit der Krönung im Maracana-Stadion.

Nach zwei dritten Plätzen in Folge wollte die deutsche Mannschaft in Brasilien endlich den Titel. So stand das Turnier im Zeichen der Jagd nach dem vierten Stern, auf den das Land 24 Jahre wartete. Die Hoffnungen waren nicht unbegründet, man spielte eine souveräne Qualifikation und gewann neun von zehn Partien. Das Vertrauen in die Mannschaft war nach 32 WM-Qualifikationsspielen ohne Niederlage groß. Und es wuchs, nicht zuletzt als im Mai 2013 im Londoner Wembley-Stadion mit Bayern München und Borussia Dortmund zwei Bundesligisten das Finale der Champions League bestritten. Das Gros dieser Teams bildete auch die Nationalmannschaft. Der deutsche Fußball war spürbar im Aufwind, Großes kündigte sich an.

Aber in der Saison 2013/2014 gab es im Europapokal Rückschläge auf breiter Front, das Leistungsbild stimmte bei etlichen Spielern nicht. So hielt Bundestrainer Joachim Löw im März 2014 vor dem Test gegen Brasilien eine deutliche Ansprache, die allen die Sinne schärfen sollte. "Ich habe den Spielern gesagt: die Uhr tickt. Nur wer sie hört, hat eine Chance dabei zu sein."

Mit zwei angeschlagenen Sechsern nach Brasilien

Als er seinen vorläufigen 30er Kader berief, waren einige Überraschungen dabei. "Lauter Odonkors", titelte die Süddeutsche Zeitung in Anspielung auf David Odonkor, der 2006 ohne ein Länderspiel auf den WM-Zug gesprungen war. Vom in Italien spielenden Verteidiger Shkodran Mustafi hatte selbst Kapitän Philipp Lahm noch nie etwas gehört. Sogar Teenager wie die Schalker Leon Goretzka und Max Meyer durften sich Hoffnungen machen und die des Dortmunders Erik Durm erfüllten sich sogar - nach nur 19 Bundesligaspielen. Kaum mehr Spiele (33) hatte Mönchengladbachs Christoph Kramer, der nicht mal im vorläufigen Aufgebot gestanden hatte, dem Trainerstab aber wegen seines Laufpensums – dem höchsten in der Bundesliga – aufgefallen war.

Dafür musste um einige Etablierte gezittert werden. Manuel Neuer und Philipp Lahm erlitten Verletzungen im Pokalfinale zwischen Bayern und Dortmund, das Bastian Schweinsteiger gar verpasste. Sami Khedira dagegen spielte nach seinem Kreuzbandriss im November 2013 erst in den letzten Saisonwochen wieder, gewann mit Real Madrid die Champions League und signalisierte dem Trainerstab per Videobotschaften von seinem Aufbautraining, unbedingt dabei sein zu müssen.

Gleich zwei angeschlagene "Sechser" – Löw ging Risiko. Im letzten Testspiel am Tag vor dem Abflug verletzte sich dann noch Marco Reus gegen Armenien, so dass der bereits verabschiedete Mustafi in den Kreis zurückkehrte und am 7. Juni in der Lufthansamaschine gen Porto Seguro saß.

Ab ins Campo Bahia: "Wie im Paradies"

Von dort ging es weiter in das heiß diskutierte Quartier Campo Bahia im 900-Seelen-Ort Santo André direkt am Atlantik, das nur mit einer Fähre zu erreichen war und extra für die WM errichtet wurde: 14 Luxus-Bungalows mit insgesamt 60 Zimmern, die anschließend Touristen offen stehen würden.

Erster Gast aber war der DFB. Die Schauergeschichten von rostigen Rohren, Schlaglöchern, defekten Leitungen, unverputzten Wänden und sandigen Plätzen erwiesen sich als maximal übertrieben, die Sorge um rechtzeitige Fertigstellung als unbegründet. Obwohl Oliver Bierhoff vier Tage vor dem Abflug einen Anruf des Bauleiters erhielt mit dem Rat, sich einen Plan B zu überlegen.

Sie brauchten ihn nicht, die Spieler und Betreuer erlebten im idyllischen Campo Bahia 32 unvergessliche Tage. Der Kader wurde in vier Wohngruppen aufgeteilt: drei mit je sechs, eine mit fünf Spielern. Die Zusammensetzung bestimmte der vierköpfige Spielerrat, von Lagerkoller und Animositäten wurde nichts bekannt. Joachim Löw im Rückblick: "Es war eine Oase der Ruhe für uns – wie im Paradies."

Dickes Ausrufezeichen zum Turnierauftakt

Deutschland wurde im Dezember 2013 in Gruppe G gelost und muss entsprechend lange auf den ersten Anpfiff warten. Nachdem bereits 24 Mannschaften ins Turnier gestartet sind, beginnt am 16. Juni endlich der Ernstfall. In Salvador de Bahia wartet Portugal um Weltstar Cristiano Ronaldo. Löw muss noch auf Schweinsteiger verzichten und lässt Lahm – wie bei den Bayern – im Mittelfeld spielen. Mit Khedira und Toni Kroos stehen dem gelernten Außenverteidiger versierte Mittelfeldspieler zur Seite, die herauf beschworenen Bedenken erweisen sich als überflüssig. Im Sturm erhält Mario Götze den Vorzug vor Veteran Miro Klose, aber den Torjäger gibt an diesem Tag ein anderer: Thomas Müller. Der Münchner, der gleich bei seiner ersten WM-Teilnahme 2010 Torschützenkönig geworden war, macht da weiter, wo er in Südafrika aufgehört hat.

Der Auftakt gerät zur Müller-Show, zum unerwartet deutlichen 4:0 trägt er drei Tore bei. Das erste per Elfmeter, den Götze herausholt, die Tore zum 3:0 und 4:0 als Abstauber. Dazwischen kommt noch ein Kopfballtor von Mats Hummels nach Kroos-Ecke. Das Spiel ist bereits zur Pause (3:0) entschieden, auch weil Portugals Pepe nach 37 Minuten Rot sieht.

Auf der Tribüne jubelt Kanzlerin Angela Merkel, die staatsmännisch sagt: "Ich freue mich mit der deutschen Mannschaft über einen wunderbaren Auftakt." Sie verspricht, zum Finale wieder zu kommen und alle hoffen auf ein Wiedersehen.

Das verfluchte zweite Spiel

"Ein guter Anfang braucht Begeisterung, ein gutes Ende Disziplin", lautet das Motto der DFB-Equipe vor ihrer Jagd nach dem vierten Stern. Begeisterung ist schon mal da. Bild wird euphorisch: "Das wird unsere WM!" Selbst der große Diego Maradona bekommt es mit der Angst zu tun: "Heute haben wir ein vernichtendes Deutschland gesehen. Ein Deutschland, das die Perfektion streifte."

Das 100. WM-Spiel der DFB-Geschichte (Weltrekord!) hätte kaum besser verlaufen können. Zufrieden kehren die Sieger auf ihre Insel zurück, doch vor Selbstzufriedenheit wird in den Medien gewarnt. In diesen geht die Angst um vor dem ominösen zweiten Spiel, das bei Turnieren nur selten gewonnen wurde.

Auch am 21. Juni in Fortaleza schlägt das Omen wieder zu und nachher sind alle froh, dass es gegen Ghana noch zu einem Punkt gereicht hat (2:2). Es spielt die Siegerelf von Salavador de Bahia, aber sie spielt nicht wie ein Sieger. Vor der Pause fallen keine Tore, Ghana hält die Partie offen und beschäftigt Manuel Neuer bedeutend häufiger, als es die Portugiesen taten.

Müller: "Endlich habe ich mal ein schönes Tor gemacht"

Als Götze das kuriose 1:0 gelingt – er köpft sich eine Flanke auf den Oberschenkel – gibt das keine Sicherheit. Im Gegenteil: Ghana schießt binnen neun Minuten zwei Tore und sorgt für den einzigen Rückstand der DFB-Elf während dieser WM. Er währt genau acht Minuten, dann bringt eine Zusammenarbeit der Joker den Ausgleich. Schweinsteiger und Klose geben ihr Turnierdebüt, die Ecke des Münchners drückt der Wahl-Römer Klose über die Linie. Es ist sein 15. WM-Tor, der Rekord des Brasilianers Ronaldo ist eingestellt. Und wieder sieht die Welt den Klose-Salto, den er diesmal nicht mehr so gut steht wie bei der WM-Premiere 2002. "Danke, Alter!", titelt die Bild am Sonntag. Im deutschen Lager regiert nach diesem Spiel Realismus, Khedira sagt: "Wir haben taktisch nicht abgerufen, was wir wollten." Nun fordert Bild: "Jogi muss umbauen, damit wir nicht vorzeitig abhauen".

Die Lahm-Debatte nimmt Fahrt auf, aber Löw bleibt vor dem Gruppenfinale ausgerechnet gegen Jürgen Klinsmanns Amerikaner seiner Linie treu. Er ändert zwar die Aufstellung und bringt Schweinsteiger und Lukas Podolski für Khedira und Götze, nicht aber das System.

Die Amerikaner haben sich von Portugal 2:2 getrennt und in der 95. Minute noch den Ausgleich kassiert, sonst wären sie schon durch. Nun aber reicht beiden Kontrahenten ein Unentschieden. Das lässt Spekulationen blühen und die Zeitungen erklären den jüngeren Lesern, was 1982 in Gijon zwischen Deutschland und Österreich geschah. Klinsmann und Löw, die Autoren des Sommermärchens 2006, weisen jeden Gedanken an eine Absprache zurück und der Regentag von Recife, wo die Fluten beinahe eine Absage bewirkt hätten, gibt ihnen Recht. Die Deutschen spielen drückend überlegen, bekommen aber nur ein Tor zustande, das Müller nach einer abgewehrten Ecke von der Strafraumgrenze erzielt (55.). "Endlich habe ich mal ein schönes Tor gemacht", strahlt der Münchner. "Müller, Du Regengott!", titelt Bild.

Mertesackers legendäres "Eistonnen"-Interview

Am Ende jubeln auch die Verlierer, Portugals 2:1 nimmt Ghana aus dem Rennen und ist doch zu niedrig, um selbst dabei zu bleiben. Der eigentliche Sieger des letzten Spieltags der Gruppe G ist der Fair-Play-Gedanke. Spaniens Sportblatt AS schreibt: "Müller wäscht Deutschlands Namen nach 32 Jahren rein. Es gab keinen Nichtangriffspakt wie zwischen Deutschland und Österreich 1982. Deutschland setzt seinen Eisenfuß ins Achtelfinale und säubert seinen Namen."

In Porto Alegre bestreitet die Löw-Elf dann ihr schwächstes WM-Spiel, hat große Mühe mit den kampfstarken Algeriern und mit der eigenen Taktik. Torwart Manuel Neuer macht ein spektakuläres Spiel, vor allem als "Libero". Man zählt 19 Ballkontakte außerhalb des Strafraums, vier Mal rettet er in höchster Not mit Kopf und Fuß. Neuer gelassen: "Das ist nun mal meine Spielweise." Torwarttrainer Andy Köpke witzelt, seit Franz Beckenbauer habe er "keinen besseren Libero mehr gesehen". Tore fallen erst in der Verlängerung, Joker André Schürrle bricht mit einem gekonnten Hackentreffer den Bann (92.), Mesut Özil schließt einen Konter ab (120.). Erst dann wird Neuer überwunden, aber nach Djabous Ehrentreffer wird sofort abgepfiffen.

In Erinnerung bleibt von diesem 30. Juni vor allem ein Interview, das ein abgekämpfter Per Mertesacker im ZDF gibt. Kritische Fragen zur Leistung kontert der Abwehrrecke so: "Was wollen Sie jetzt von mir? Kann ich nicht verstehen. Glauben Sie unter den letzten 16 ist hier eine Karnevalstruppe oder was? Die haben uns das richtig schwer gemacht...Was wolln Se? Wollen Se `ne erfolgreiche WM oder wollen Sie wieder ausscheiden und haben schön gespielt?" Er lege sich jetzt "drei Tage in die Eistonne und dann sehen wir weiter. Wir sind weiter gekommen und super happy."

Hummels köpft Deutschland ins Halbfinale

Das Interview wird Kult und ein Internet-Hit. Trotzdem stellen sich nach diesem Spiel grundsätzliche Fragen. Wohin mit Lahm, Schweinsteiger und oder Khedira? Wer soll stürmen, Götze oder Klose? Bild stellt derweil fest: "Klar ist: so fliegen wir im Viertelfinale gegen die starken Franzosen raus." Die Lahm-Frage erledigt sich von selbst. Da sich Verteidiger Mustafi bei seinem Startelfdebüt gegen Algerien verletzt, rückt der Kapitän schon in jenem Spiel wieder auf die rechte Abwehrseite – und dort bleibt er.

Die deutsche Mannschaft muss am 4. Juli das Viertelfinale eröffnen. Im Sehnsuchtsort Maracana wartet Frankreich. Erstmals spielen bei dieser WM Khedira und Schweinsteiger gemeinsam, im Sturm versucht Löw es mit Altmeister Klose. "Eistonnen-Mann" Per Mertesacker rutscht auf die Bank und wird sich den Ruf eines vorbildlichen Ersatzmannes verdienen. Diesmal spricht hinterher niemand von taktischen Schwächen. Eine disziplinierte Leistung und ein großartiger Torwart sind der Schlüssel zum Sieg, aber ohne Tore geht es nicht. Wie gegen Portugal glückt Mats Hummels, gegen Algerien wegen Fieber pausierend, nach einem Kroos-Standard (Freistoß) ein Kopfballtor (13.). Es ist das Tor des Tages und bringt Deutschland zum vierten Mal in Folge ins Halbfinale. Die Erkenntnis von Maracana: Löw hat seine Mannschaft gefunden – und die Bild neue Zuversicht. "Jetzt sind wir WM-Favorit!" Auch wenn der nächste Gegner Brasilien heißt.

Obwohl Deutschland und Brasilien die Länder mit den meisten WM-Teilnahmen sind, sind sie erst einmal, im Finale 2002, aufeinander getroffen. Bis zu jenem unglaublichen Abend des 8. Juli in Belo Horizonte, wo noch viel mehr Ungewöhnliches geschieht. Als die Mannschaften ins Stadion einlaufen, ahnt niemand, dass über jenes Spiel Bücher und Magazine erscheinen werden und dass die ganze Fußballwelt vor schierem Erstaunen für einen Moment den Atem anhalten wird.

"Argentinien hat Messi, Brasilien Neymar, aber Deutschland hat eine Mannschaft"

"In 50 Jahren werden unsere Kinder wissen, dass Brasilien ein WM-Halbfinale zu Hause mit 1:7 gegen Deutschland verloren hat", sagt der große Trainer José Mourinho, ein Portugiese, noch am selben Abend, da in Deutschland längst Straßenfeste ausgebrochen sind – so kühl sich der Sommer 2014 auch zeigt. Auch in Belo Horizonte sind es am 8. Juli nur 22 Grad, angenehm für Mitteleuropäer. Warum kommt es an diesem Tag zu einem solchen Ergebnis, ist das Spiel schon zur Halbzeit (0:5) entschieden?

Brasilien bricht unter der Last der Erwartungen ein. Schon vorher war öfter zu beobachten, dass die Spieler bei der Hymne weinen, sogar beim Training fließen Tränen. Trainer Felipe Scolari bestellt am 7. Juli erneut die Team-Psychologin ein, weil die Spieler nach Neymars Ausfall zu hadern beginnen. Regina Brandao hält nicht viel von Diskretion und erzählt den Reportern: "Auf allen lastet große Verantwortung. Sie sagten mir, dass es Neymar war, der ihnen den Spirit gab. Aber sie sagten auch: das Leben geht weiter."

Derartige Probleme hat die deutsche Elf nicht, auch der am Spieltag publizierte Wechsel von Kroos zu Real Madrid sorgt nicht für Unruhe, zu gefestigt ist dieses Team. Was Englands Star Steven Gerrard nach der WM gesagt hat, trifft es ziemlich gut: "Argentinien hat Messi, Brasilien hat Neymar, aber Deutschland hat eine Mannschaft."

7:1 im Halbfinale: Die magische Nacht von Belo Horizonte

Diese Mannschaft in ihren rotschwarzen "Auswärtstrikots" spielt groß auf. Fast alles gelingt, fast jeder Schuss ist ein Treffer und mit jedem schwinden Gegenwehr und Organisation der Brasilianer. Müller macht den Anfang (11.), sträflich freistehend kommt er nach einer Ecke zum Schuss. Schon das ist ein Signal. Auch Klose kommt frei zum Schuss, darf sogar nachschießen und avanciert mit seinem 2:0 (23.) zum WM-Rekordtorschützen (16 Tore). Es folgen sechs magische Minuten, die keiner vergessen wird, der sie erlebt hat. 0:3 Kroos (24.). 0:4 Kroos (26.), 0:5 Khedira (29.). Alles herausgespielte Tore, alles schöne Tore. "Das ist ein Spielverlauf, der zu den sensationellsten in der Geschichte des Weltfußballs gehört", heißt es in der ARD-Rundfunk-Reportage und ZDF-Reporter Bela Rethy fragt ungläubig: "Ja was ist denn hier los?"

Das Fernsehen zeigt derweil weinende Menschen in gelben Trikots, die im Stadion und vor Großleinwänden fassungslos das Debakel ihrer Selecao mitansehen müssen. In der Halbzeit mahnt Löw Seriosität an und droht jedem, der etwa vorhabe, den Gegner zu veräppeln, mit einem Bank-Platz beim Finale.

Sie spielen es seriös zu Ende: Schürrle beweist wieder seine Joker-Qualitäten und schießt noch zwei Tore, ehe Oscar in letzter Minute ein Ehrentor gegönnt wird – das die Ehre nicht mehr retten kann. "So etwas wird es nie wieder geben. Wir bitten um Vergebung bei der Bevölkerung", sagt der geknickte Scolari. Bayern-Verteidiger Dante stellt fest: "Deutschland ist uns sechs Jahre voraus und wir müssen daraus unsere Lehren ziehen."

Drittes WM-Endspiel gegen Argentinien

Das Ergebnis, auf Portugiesisch "sete um", steht in Brasilien mittlerweile für ein großes Missgeschick und ein geläufiger Fluch lautet seither "gol de almanha". Zu Ehren des deutschen Sieges leuchtet das Empire State Building in New York in jener Nacht in Schwarz-Rot-Gold. In Deutschland verschlägt es einigen die Sprache, Bild titelt am nächsten Tag "Ohne Worte" und widmet jedem Tor eine eigene Seite. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bedankt sich bei der Mannschaft per Bordmikrofon auf dem Rückflug und sieht "Fußball von einem anderen Stern". 

Das andere Halbfinale kann da ganz unmöglich mithalten, dafür ist es wenigstens spannend. Doch Tore fallen zwischen Holländern und Argentiniern in Sao Paulo erst im Elfmeterschießen und die Südamerikaner gewinnen. Arjen Robben, der seinen Elfmeter verwandelt, ist geknickt: "Wir hatten es eigentlich mehr verdient. Dieses Ausscheiden ist tragisch." Sie trösten sich mit Platz 3 gegen erneut desolate Brasilianer, deren Versuch der Wiedergutmachung misslingt (0:3).

Und so stehen am 13. Juli mit Deutschland und Argentinien zwei klassische Turniermannschaften im Finale – zum bereits dritten Mal nach 1986 und 1990. Nach dem 7:1 sind die Deutschen klarer Favorit, auch auf den Rängen, da die Brasilianer ihren Nachbarn den Titel noch weniger gönnen als ihren Bezwingern. Thomas Müller aber warnt: "Wir haben noch nichts erreicht. Bei Anpfiff steht es wieder 0:0."

"Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi"

Bei Anpfiff steht auch einer in der Elf, der zuvor nur zwei WM-Minuten gespielt hat. Laufwunder Christoph Kramer springt kurzfristig für den beim Warmlaufen starke Beschwerden verspürenden Khedira ein und hat nicht mal mehr Zeit, nervös zu werden. Noch eine merkwürdige Geschichte rankt sich um Kramer. Nach 17 Minuten erhält er einen Ellenbogenschlag von Garay an den Kopf und spielt fortan im Blindflug weiter. Er weiß nicht mehr wo er ist und fragt den Schiedsrichter sogar, ob das das Endspiel sei. Die Gehirnerschütterung kostet ihn die Erinnerung an einige der bedeutendsten Minuten seines Lebens. Der Schiedsrichter informiert Kapitän Lahm und so muss Löw Kramer früh auswechseln.

Er bringt den bewährten Joker Schürrle, was sein Gutes haben wird. In dem intensiven Kampf fallen trotz hochkarätiger Chancen auf beiden Seiten lange keine Tore. Der Schalker Benedikt Höwedes, der sich in ungewohnter Rolle als Linksverteidiger in jedem Spiel bewährt, köpft Sekunden vor der Pause an den Pfosten. Gonzalo Higuain trifft frei vor Neuer den Ball nicht richtig und Lionel Messi verfehlt nach der Pause um Zentimeter das Tor. Es ist eines jener seltenen 0:0-Spiele, die auf hohem Niveau stehen – eines WM-Finales würdig.

In der 90. Minute wechselt Löw Mario Götze ein und flüstert ihm längst legendäre Worte ins Ohr: "Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi." Und er zeigt der Welt, wer Mario Götze ist.

Um 23.35 Uhr ist es soweit: Deutschland ist Weltmeister

Als Schürrle in der 113. Minute links davon zieht und gefühlvoll vors Tor flankt, da antizipiert er das, nimmt den Ball mit der Brust an und schlenzt ihn im Fallen mit links ins lange Eck. Das Tor eines Artisten macht Deutschland zum Weltmeister. Millionen Deutsche fallen sich in diesem Moment in die Arme, auf Fanmeilen, in Sportsbars oder im eigenen Wohnzimmer. Der WM-Pokal ist nun zum Greifen nah.

Noch aber müssen sieben bange Minuten vergehen, Schweinsteiger spielt mit blutiger Platzwunde und wird zum Symbol deutscher Unbeugsamkeit. Dann schießt Messi in letzter Minute einen Freistoß übers Tor und ARD-Reporter Tom Bartels fragt beinahe flehentlich: "Pfeift er jetzt ab?" Einige Sekunden lässt Nicola Rizzoli die Deutschen noch leiden, dann, um 23.35 Uhr MEZ, schafft sein Pfiff Fakten – Deutschland ist Weltmeister 2014. Der vierte Stern wird unter dem Zuckerhut errungen. Deutschland schreibt Geschichte als erste europäische Weltmeistermannschaft in Südamerika, als das Team mit den meisten Joker-Toren (5) und das, das den besten WM-Torjäger aller Zeiten stellt. Miro Klose tritt im Triumph zurück, mit ihm überraschend auch Kapitän Philipp Lahm und Per Mertesacker.

Halb Deutschland hat das Finale gesehen: 34,65 Millionen ARD-Zuschauer sind Rekord für eine deutsche Fernsehsendung. Nach einer langen Feiernacht in Rio, die schon in der Kabine in Gegenwart der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten Joachim Gauck beginnt, werden die neuen Helden am Dienstag, den 15. Juli, am Brandenburger Tor von einer unübersehbaren Menschenmenge gefeiert.

Löw: "Der Titel war jetzt fällig"

Helene Fischer tanzt mit den Weltmeistern auf der Bühne und textet ihren Megahit "Atemlos durch die Nacht" ein bisschen um: "…spür was Fußball mit uns macht". Ein ganzes Land ist für ein paar herrliche Sommertage glücklicher und singt auch den zweiten WM-Hit jener Tage voller Inbrunst: "Ein Hoch auf uns!" (Andreas Bourani)

Die Generation Schweinsteiger, der man viel Talent bescheinigt hat, aber auch, keine Turniere gewinnen zu können, ist am Ziel und hat ihre Kritiker widerlegt. Der Architekt des Triumphes, Bundestrainer Joachim Löw, hat es kommen sehen: "Die Arbeit begann vor zehn Jahren mit Jürgen Klinsmann. Seitdem haben wir uns kontinuierlich gesteigert und spielerisch weiterentwickelt. Nur mit deutschen Tugenden wäre es nicht gegangen. Der Titel war jetzt fällig."

Die Weltmeister 2014

Torhüter:

Manuel Neuer (7 Einsätze)

Roman Weidenfeller (0)

Ron Robert Zieler (0)

 

Abwehr:

Jerome Boateng (7)

Erik Durm (0)

Matthias Ginter (0)

Kevin Großkreutz (0)

Benedikt Höwedes (7)

Mats Hummels (6/2 Tore)

Philipp Lahm (7)

Per Mertesacker (6)

Shkodran Mustafi (3)

 

Mittelfeld:

Julian Draxler (1)

Sami Khedira (5/1)

Christoph Kramer (3)

Toni Kroos (7/2)

Thomas Müller (7/5)

Mesut Özil (7/1)

Bastian Schweinsteiger (6)

 

Angriff:

Mario Götze (6/2)

Miroslav Klose (5/2)

Lukas Podolski (2)

André Schürrle (6/3)

 Joker Watkins schießt England ins EM-Finale
10.07.2024 23:00 Uhr

Joker Watkins schießt England ins EM-Finale

England ist Spanien ins Endspiel der EURO 2024 gefolgt. Die "Three Lions" setzten sich im zweiten Halbfinale in Dortmund 2:1 (1:1) gegen die Niederlande durch und spielen am Sonntag (ab 21 Uhr, live bei MagentaTV und in der ARD) im Berliner Olympiastadion um ihren ersten EM-Titel.

Die Partie startete furios: Zunächst brachte Xavi Simons die Niederländer mit einem fulminanten Distanzschuss in der siebten Minute in Führung, dann brachte der von Denzel Dumfries gefoulte englische Kapitän Harry Kane die "Three Lions" per verwandeltem Strafstoß wieder zurück ins Spiel (18.).

Zweimal Alu und ein spätes Jokertor

England übernahm in der Folge die Spielkontrolle und schnupperte bereits wenig später am zweiten Treffer, doch Dumfries kratzte Phil Fodens Versuch von der Torlinie (23.). Doch auch die Niederländer blieben gefährlich: Dumfries köpfte nach Eckball wuchtig an die Querlatte (30.). Es ging weiter hin und her, Foden schlenzte den Ball von der Strafraumgrenze an den Außenpfosten (32.).

Nach einer längeren Phase des Abtastens meldete sich "Oranje" nach der Pause erstmals gefährlich an, als Virgil van Dijk Englands Keeper Jordan Pickford nach einer Ecke zu einer Parade zwang (65.). Danach blieb es bis kurz vor Ende der regulären Spielzeit ein umkämpftes Spiel ohne große Höhepunkte - dann schlug Joker Ollie Watkins in der Nachspielzeit aus spitzem Winkel zu und ließ Bart Verbruggen im niederländischen Tor keine Abwehrchance (90.+1).

Oranje ist raus! England löst das Ticket fürs EM-Finale
10.07.2024 22:56 Uhr

Oranje ist raus! England löst das Ticket fürs EM-Finale

Die Niederländer sind raus, England träumt dank eines Jokers vom EM-Titel - nun wartet Spanien im Finale.

Nach dem erlösenden Schlusspfiff sprintete Starstürmer Harry Kane zurück auf den Platz und sprang Matchwinner Ollie Watkins als Erster in die Arme, auf den Rängen rasteten die englischen Fans nach dem spektakulären Happy End im Halbfinal-Krimi gegen die Niederlande vor Glück aus - und bei den Klängen von "Sweet Caroline" träumten die endlich gierigen Three Lions dann vom EM-Titel. Denn: England greift wieder nach der Krone.

"Wir haben Geschichte geschrieben!", jubelte Kane: "Ich bin so stolz auf alle, auf die Spieler, auf die ganze Gruppe. Es war bisher so ein schwieriges Turnier für uns."

Dank Partycrasher und Kane-Ersatz Ollie Watkins hofft ganz England nun auf den ersten großen Triumph seit 58 Jahren. Die Comeback-Könige von Trainer Gareth Southgate, der vor den Fans immer wieder die Fäuste hoch riss, haben sich auch von den Niederlanden nicht aufhalten lassen und sind durch das spektakuläre 2:1 (1:1) zum zweiten Mal in Folge ins EM-Finale marschiert, für die Elftal und ihre traurigen Fans endete ihr Sommermärchen in einem Drama.

Denn Kapitän Kane cool bis ans Herz per Foulelfmeter (18.) und Watkins (90.) mit seinem Treffer aus der Drehung drehten die Partie noch und führten England so in das erste Finale bei einem großen Turnier außerhalb des eigenen Landes. Am Sonntag im Endspiel von Berlin ist die Startruppe mit einem Marktwert von insgesamt knapp 1,5 Milliarden Euro gegen Deutschland-Schreck Spanien (21.00 Uhr/ARD und MagentaTV) alles andere als Außenseiter - schließlich drehen Kane und Co. pünktlich zum Showdown plötzlich mächtig auf.

Bei den Niederländern flossen nach der zuvor so euphorischen EM-Party dagegen Tränen. Rund 100.000 Fans hatten Dortmund vor dem Spiel in Oranje getaucht, die Anhänger hofften auf ein Märchen wie 1988 - damals hatte der jetzige Bondscoach Ronald Koeman die Niederländer in Deutschland als Abwehrchef zum Titel geführt. Und nach dem prächtigen Führungstreffer vom ehemaligen Leipziger Xavi Simons (7.) sah es zunächst auch gut aus, doch am Ende reichte die Kraft nicht mehr gegen die erstmals im Turnier überzeugenden Engländer. Auch Joker Wout Weghorst stach diesmal nicht. Und so muss Oranje weiter auf den zweiten großen Titel warten.

England träumt von erstem Titel seit 1966

Ganz anders England. "Jetzt ist die Chance, Geschichte zu schreiben", hatte Southgate vor der Partie gesagt. Während die Fans wegen des zuvor gezeigten minimalistischen Ergebnis-Fußballs schon murrten, glaubte der Nationaltrainer immer an sein Team. Nach dem Elfmeter-Drama von London, als die Mannschaft Ihrer Majestät vor drei Jahren Italien am Ende den EM-Pokal überlassen musste, soll diesmal alles anders werden. Die 58 Jahre voller Schmerz und großer Tragödien nach dem WM-Titel von 1966 müssen am Sonntag gegen Spanien endlich zu Ende gehen, so die Hoffnung im Mutterland des Fußballs.

Und pünktlich zur Crunchtime des Turniers dreht England mächtig auf. Wie schon im Achtelfinale gegen die Slowakei und im Viertelfinale gegen die Schweiz gerieten sie in Rückstand, doch von Panik keine Spur. Stattdessen zeigten sie ihre beste Turnierleistung, dabei konnte Jude Bellingham bei seiner Rückkehr nach Dortmund und seinem pikanten Wiedersehen mit dem deutschen Schiedsrichter Felix Zwayer nur wenige Akzente setzen - stattdessen sorgten etwa Phil Foden und Bukayo Saka immer wieder für Gefahr. Zudem ist Kane mit nun sechs Treffern der beste Torschütze der EM-Geschichte in K.o.-Spielen, außerdem konnte England sich auf Keeper Jordan Pickford verlassen.

Nach dem frühen Gegentreffer übernahmen die Engländer das Kommando, sie erhöhten den Druck, sie blieben geduldig im orangenen Abwehr-Dickicht, lauerten auf ihre Chance. Und Watkins, kurz zuvor für Kane eingewechselt, ließ England am Ende jubeln. Jetzt soll, nein muss gegen Spanien der Titel her.

 Nach Yamals historischem Traumtor: Spanien zieht ins EM-Finale ein
09.07.2024 22:55 Uhr

Nach Yamals historischem Traumtor: Spanien zieht ins EM-Finale ein

Zwölf Jahre nach seinem letzten großen Titel greift Spanien beim Turnier in Deutschland nach dem vierten EM-Triumph. Der Europameister von 1964, 2008 und 2012 gewann im Halbfinale in München gegen Vizeweltmeister Frankreich mit 2:1 (2:1) und trifft nun am Sonntag im Endspiel auf den Sieger aus Niederlande gegen England am Mittwoch (beide Spiele ab 21 Uhr, live in der ARD und bei MagentaTV).

Dabei hatte Frankreich in einer munteren Partie den besseren Start erwischt: Der frühere Frankfurter Randal Kolo Muani (9.) brachte die Equipe Tricolore nach einer Flanke von Kylian Mbappé per Kopf in Führung - es war der erste selbsterzielte Treffer der Franzosen aus dem Spiel heraus bei dieser EM.

Olmo wird erneut zum Helden

Doch Spanien ließ sich von dem früheren Gegentreffer nicht beeindrucken und schlug sehenswert zurück. Mit einem Schlenzer aus 25 Meter an den Innenpfosten trug sich Lamine Yamal mit 16 Jahren, elf Monaten und 26 Tagen als jüngster EM-Torschützen der Historie in die Geschichtsbücher ein (21.). Nur vier Minuten später drehte der Dani Olmo mit einer starken Einzelaktion die Partie komplett, den scharfen Schuss des Leipzigers konnte Jules Koundé nur noch ins eigene Tor ablenken (25.).

Im zweiten Durchgang konzentrierten sich die Iberer zunehmend auf die Defensive und ließen nur wenige Abschlüsse der Franzosen zu. Ein weiterer später Gegentreffer, wie beim Viertelfinale gegen Deutschland (2:1 nach Verlängerung) blieb der "Seleccion" somit erspart.

Spanien zeigt Mbappé und Co. die Grenzen auf
09.07.2024 22:54 Uhr

Spanien zeigt Mbappé und Co. die Grenzen auf

Mit einem historischen Traumtor von Lamine Yamal hat Spanien den nächsten Favoriten gestürzt und träumt mehr denn je vom finalen Triumph.

Angeführt vom bislang jüngsten EM-Torschützen hat der unaufhaltsame Deutschland-Bezwinger auch Frankreichs Starensemble um Kylian Mbappé entzaubert und ist ins Finale von Berlin gestürmt. Nach dem 2:1 (2:1) im Halbfinale von München greift die Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente am Sonntag nach dem Rekordtitel.

"Ich habe den Ball genommen, nicht lange nachgedacht und einfach geschossen. Ich bin stolz, dass wir im Finale stehen, ich genieße es einfach", sagte Yamal über seinen gefühlvollen Schlenzer in den Winkel (21.). Mit dem Traumtor hatte er die Spanier nach dem frühen Rückstand durch Randall Kolo Muani (9.) zurück ins Spiel gebracht, bevor der erneut starke Dani Olmo (25.) den goldenen Treffer nachschob.

Mit 16 Jahren und 362 Tagen ist Barcelonas Supertalent Yamal nun der mit Abstand jüngste Torschütze der EM-Geschichte. "Mein Ziel war es, meinen Geburtstag in Deutschland zu feiern. Das habe ich geschafft", sagte der Teenager, der am Samstag 17 Jahre alt wird - und einen Tag am später das ganz große Geschenk abholen kann.

Dann winkt der Mannschaft von Trainer Luis de la Fuente in Berlin der Rekordtitel: Als erste Nation könnten sich die Spanier im Duell mit England oder den Niederlanden ein viertes Mal zum Europameister krönen. "Es fehlt noch ein Schritt. Es ist unglaublich. Wir verdienen es, im Finale zu sein", sagte Leipzig-Profi Olmo, der im dritten Spiel in Folge traf.

Frankreich schon wieder ohne Durchschlagskraft

Während die Spanier erstmals seit den erfolgreichen Jahren zwischen 2008 und 2012 wieder im Finale eines großen Turniers stehen, ist für die Franzosen der Traum vom ersten EM-Titel seit 24 Jahren geplatzt. Abgesehen von einer starken Anfangsphase fehlte der Mannschaft von Trainer Didier Deschamps wie schon zuletzt die Durchschlagskraft - daran änderte auch der erste eigene Treffer aus dem Spiel heraus nichts.

Viel war im Vorfeld über die verschiedenen Ansätze der beiden erfolgreichsten Mannschaften des Jahrtausends diskutiert worden. Während die Spanier mit ihrer unbändigen Spielfreude die Menschen begeistert hatten, stand das stark besetzte Frankreich wegen ihres pragmatischen Ansatzes und der lahmenden Offensive um Superstar Mbappe in der Kritik.

Spanien hat die erste Chance

Auch im direkten Duell erwischten die Iberer den vermeintlich besseren Start. Nach nur fünf Minuten hatte Fabian Ruiz die erste gute Chance für die Spanier, bei denen einzig Marc Cucurella einen schweren Stand hatte. Der Linksverteidiger wurde nach seinem ungeahndeten Handspiel im Viertelfinale gegen Deutschland bei jeder Ballberührung ausgebuht. Die spanischen Fans versuchten mit Sprechchören für Cucurella dagegenzuhalten - und verstummten dann doch komplett.

Bei einem Konter verteidigte der 38 Jahre alte Jesus Navas, der den rotgesperrten Dani Carvajal in der Startelf ersetzte, zu halbherzig gegen den diesmal maskenlosen Mbappé. Dessen Flanke verwertete Kolo Muani am langen Pfosten per Kopf. Die Spanier wirkten zunächst verunsichert - bis die individuelle Brillanz von Yamal die Rote Furie wieder zum Leben erweckte.

Vier Minuten reichen Spanien zur Wende

Im Alter von nur 16 Jahren und 362 Tagen schlenzte der Flügelstürmer den Ball aus der Distanz perfekt an den linken Innenpfosten, kurz darauf setzte Dani Olmo einem wilden Hin und Her die vorläufige Krone auf. Innerhalb von nur vier Minuten hatte sich das Blatt komplett gewendet. Nun waren es plötzlich wieder die Franzosen, die um Sicherheit rangen - mit überschaubarem Erfolg.

Nach einer Stunde erhöhte Deschamps das Risiko und brachte bei einem Dreifachwechsel unter anderem Antoine Griezmann für Defensivspezialist N'Golo Kante. Die Spanier verteidigten mit ansteigender Spieldauer und in der Hoffnung auf Konter immer näher am eigenen Strafraum. Mbappe vergab die letzte gute Gelegenheit zum Ausgleich (86.).

 Hol' dir deinen EM-Becher ins Vereinsheim!
09.07.2024 07:00 Uhr

Hol' dir deinen EM-Becher ins Vereinsheim!

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Als Partner der UEFA EURO 2024™ hat Coca-Cola für alle Stadien Mehrwegbecher in einzigartigem Fußballdesign produziert. Auch nach dem Turnier möchten der Deutsche Fußball-Bund und Coca-Cola die Mehrwegbecher im Kreislauf halten und gleichzeitig einen Mehrwert für den Amateurfußball schaffen. So verursachen Mehrwegbecher über den gesamten Lebenszyklus betrachtet deutlich weniger CO2-Emissionen als Einwegbecher und vermeiden Abfälle.

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 Zwayer leitet EM-Halbfinale Niederlande gegen England
08.07.2024 10:15 Uhr

Zwayer leitet EM-Halbfinale Niederlande gegen England

Der deutsche Schiedsrichter Felix Zwayer wird am Mittwoch (21 Uhr, live bei MagentaTV und in der ARD) das EM-Halbfinale zwischen den Niederlanden und England in Dortmund leiten. Unterstützt wird er dabei von seinen Assistenten Stefan Lupp und Marco Achmüller. Vierter Offizieller ist Daniel Siebert, Ersatz-Assistent Rafael Foltyn. Als Video-Assistenten fungieren Bastian Dankert und Christian Dingert, denen Marco Fritz zur Seite steht.

Für den 43-jährigen Zwayer und sein Team wird es bereits der vierte Einsatz bei der Europameisterschaft. Zuvor leitete er bereits die Gruppenspiele Italien – Albanien (2:1) und Türkei – Portugal (0:3) sowie das Achtelfinale Rumänien – Niederlande (0:3).

 Löw übers 7:1: "In diesem Spiel ging alles auf"
08.07.2024 08:15 Uhr

Löw übers 7:1: "In diesem Spiel ging alles auf"

Am 8. Juli 2014 haben sich zwei Zahlen ins kollektive Fußballgedächtnis gebrannt: sieben und eins. Das Halbfinale der WM 2014 wurde zu einem Spiel für die Geschichtsbücher. Deutschland überrollte Gastgeber Brasilien, niemand, der die 90 Minuten in Belo Horizonte gesehen hat, wird diesen Abend je vergessen. Auch nicht Bundestrainer Joachim Löw, der sich für DFB.DE an eine magische Nacht erinnert.

So etwas erlebt man nur einmal. Mit diesem Ergebnis, in diesem Land, gegen diesen Gegner, mit dieser Art und Weise. Die Halbfinals großer Turniere sind in der Regel hart umkämpft und spannend bis zum Schluss. Dieses Halbfinale war auch dramatisch, aber eben auf eine ganz andere Art.

Der Fokus meiner Spieler war mehr als beeindruckend, sie haben sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Nicht im Spiel und auch nicht durch die Ereignisse im Vorfeld. Als wir am Tag vor dem Spiel in Belo Horizonte ankamen, gab es große Aufregung. Beim Abendessen kam der Verdacht auf, dass uns etwas ins Essen getan wurde. Zum Glück hat sich das nicht bestätigt. In der Nacht dann wurde es laut. Vor unserem Hotel wurden Raketen und Böller gezündet. Es war ein schönes Spektakel, zwei, drei Stunden lang war an Schlaf nicht zu denken.

Doch als wir uns am Morgen zum Frühstück trafen, war nichts davon ein Thema. Niemand hat darüber gesprochen, kein Wort wurde dazu verloren. Für das Spiel am Abend gab mir das große Zuversicht. In den Gesprächen mit den Spielern hatte ich den Eindruck, dass sie das alles gar nicht interessiert, sie hat nur interessiert, dass sie dieses Spiel gewinnen und ins Finale einziehen. Alles andere haben sie ausgeblendet.

Als die Brasilianer am Abend ins Stadion in Belo Horizonte liefen und als ihre Hymne erklang, war die Atmosphäre gigantisch, es war innbrünstig, laut, es war vehement. Auch die Brasilianer hatten einen riesigen Willen, eine große Klarheit. Vor dem Spiel hatte Trainer Luiz Felipe Scolari in der Pressekonferenz keine Zweifel gelassen. Er hat nicht gesagt, wir wollen gewinnen, hat er hat gesagt: "Wir werden gewinnen." Es sei sicher, hat er gesagt, "wir kommen nach Maracana, wir kommen ins Finale, wir gewinnen dieses Spiel".

Siegenthalers Sicht

Wenn ich über das Spiel gegen Brasilien schreibe, muss und will ich Urs Siegenthaler nennen. Urs hat Brasilien vor dem Turnier ein paar Mal gesehen und er hat sie auch während der WM beobachtet. Nach dem Viertelfinale der Brasilianer gegen Chile kam er noch einmal zu mir und fasste zusammen, was ihm aufgefallen ist.

Wir gingen am Strand vor dem Campo Bahia spazieren, an seine Worte erinnere ich mich genau. Brasilien sei "grottenschlecht" in der Defensive, hat Urs gesagt. Von dieser Einschätzung hat er sich auch durch mein mehrmaliges Nachfragen nicht abbringen lassen. Urs war sich ganz sicher: So schlecht, wie die aktuelle Selecao, habe eine brasilianische Nationalmannschaft noch nie verteidigt.

Ich hatte die Mannschaft auch ein paar Mal gesehen und ja, in der Defensive waren sie anfällig. "Die sind nicht anfällig", hat Urs gesagt, "die sind einfach richtig schlecht." Seine Beobachtung war, dass die Außenverteidiger permanent vorne stehen, dass auch David Luiz häufig ungesichert aufrückt und es dadurch riesige Lücken gibt. Dass die Gegner der Brasilianer das noch nicht ausnutzen konnten, hat Urs auf zwei Faktoren zurückgeführt: Glück auf der einen Seite und fehlende Konsequenz auf der anderen Seite. Urs hat gesagt, dass Brasilien sich dieser Schwäche bewusst sei und ihr Defensivkonzept im Wesentlichen darin bestehe, nach Ballverlusten sofort zu foulen und das Spiel zu unterbrechen. Sie hätten nicht die Ambition, Zweikämpfe zu führen und den Ball zurückzugewinnen, für sie gehe es nur darum, das Spiel zu unterbinden.

So haben wir die Mannschaft vorbereitet. Wir haben den Spielern die vielen Räume gezeigt, die wir bespielen können und ihnen auch gesagt, wie sie das machen müssen. Es ging darum, sich blitzschnell zu lösen und den Brasilianern nach Ballgewinn nicht die Möglichkeit zu geben, zu foulen. Es ging darum, auf den Beinen zu bleiben, die Fouls nicht anzunehmen. Es ging darum, minimale Ballkontaktzeiten zu haben und sofort in die Räume zu starten. Es ging um den Automatismus, sich nach Ballgewinn blitzschnell in vollem Tempo nach vorne zu lösen.

"In diesem Spiel ging alles auf"

Manchmal gehen Matchpläne auf, manchmal auch nicht. In diesem Spiel ging alles auf. Brasilien hatte in den ersten Minuten eine unglaubliche Wucht, aber das war nicht überraschend. Uns war klar, dass wir die ersten fünf, zehn Minuten irgendwie überstehen mussten. Diese Wucht und diesen Drang der Brasilianer wollten wir für uns nutzen. Wir haben den Spielern gesagt, wenn sie so kommen, genau dann gibt es für uns Räume. Und: Sie kamen - es gab Räume – wir haben sie genutzt.

Das 1:0 ist aus einem Eckball resultiert, das hat uns natürlich in die Karten gespielt. Brasilien hat danach aber einfach weitergemacht - blind nach vorne. Beim 2:0, 3:0 und 4:0 waren es genau solche Situationen, die wir vorher beobachtet und den Spielern gezeigt hatten. Wie am Reißbrett. Es war, wie Urs es prophezeit hatte: Wenn die Brasilianer nach Ballverlust nicht sofort Zugriff bekommen, dann ist es für sie im Grunde zu spät. Dann hatten sie hinten nur noch die beiden Innenverteidiger - und wir hatten die Qualität, unsere Überzahl auszuspielen. Die Tore zwei, drei, vier und fünf fielen innerhalb von sechs Minuten, es war unwirklich, unfassbar.

Trotzdem: Die Situation war gefährlich. In der Halbzeit bin ich so deutlich geworden wie selten zuvor. Ich habe den Spielern gedroht: Wer nicht seriös weiterspielt, der spielt das Finale nicht. Mir ging es um zwei Aspekte: Respekt vor dem Gegner und vor der großen Fußballnation Brasilien, Kunststücke und Aktionen für die Galerie wollte ich nicht sehen. Respekt aber nicht nur vor der Tradition, sondern auch vor der Gegenwart und unserer Situation. Das 4:4 gegen Schweden wirkte in mir noch nach. Gegen Schweden hatten wir vier Tore in 30 Minuten kassiert. Und jetzt spielten wir in Brasilien gegen Brasilien.

Ich konnte fast hören, was Scolari seinen Spielern in der Kabine in der Halbzeit sagen würde: 'Abhaken, die erste Halbzeit ist verloren, weiter gehts. Wir haben nichts mehr zu verlieren, wir haben keinen Druck mehr, der Druck ist jetzt bei den Deutschen. Wenn wir in den ersten zehn Minuten ein Tor machen, dann kann alles noch kippen. Dann werden sie nervös.'

"... dann spielt er im Finale nicht"

Ich bin sicher, dass Scolari seinen Spielern gesagt hat, dass sie die fünf Tore vergessen sollen. 'Wir müssen nicht fünf Tore schießen', wird Scolari gesagt haben, 'das Stadion hilft uns. Wenn wir kurz vor Ende zwei Tore hinten sind, dann reicht das. Dann kocht das Stadion, dann fangen die Deutschen an, nachzudenken und irgendwann können sie dem Druck nicht mehr standhalten.'

Deswegen war ich energisch in der Halbzeit. Ich habe gesagt: "Leute, ich beobachte das. Wenn einer anfängt, den Gegner lächerlich zu machen und uns damit in Schwierigkeiten bringt, dann spielt er das Finale nicht. Egal, wer das ist."

7:1, das klingt deutlich, es ist auch deutlich. Es war aber so, dass Brasilien kurz nach dem Seitenwechsel zwei, drei gute Möglichkeiten hatte. Wir hatten zum Glück Manu, der immer zur Stelle war. So haben wir auch diese Phase überstanden und das Spiel dann, genau wie wir es wollten, seriös zu Ende gespielt.

Was noch wichtiger war: Wir waren faire Gewinner, so wie die Brasilianer auch faire Verlierer waren. Nach dem Spiel gab es bei uns keine Überheblichkeit, keine Arroganz, es gab nur Respekt, Anstand und Empathie. Einige unserer Spieler hatten ähnliche Empfindungen und Gedanken, wie ich sie hatte. In mir kam die Erinnerung an die WM 2006 auf. Das Gefühl, wie es ist, ein WM-Halbfinale im eigenen Land zu verlieren, kannten wir. Philipp LahmBastian SchweinsteigerPer MertesackerLukas Podolski und Miro Klose standen 2006 in Dortmund gegen Italien auf dem Rasen, sie wussten, wie hart es ist, wenn ein Traum stirbt.

Ein WM-Finale zu erreichen - und das noch im eigenen Land - mehr geht nicht. Und es geht nicht schlimmer, als wenn dieser Traum zu Ende geht. Die Empfindungen der Brasilianer konnten wir nachvollziehen, wir wussten, was sich in ihren Köpfen und Herzen abspielt. Ich war an diesem Abend sehr stolz auf die Mannschaft und auf meine Spieler – fast noch mehr als auf das Sportliche darauf, wie sie sich in der Stunde des Sieges gegeben haben.

"Reaktion der Brasilianer hat mich berührt und tief bewegt"

Die Rückreise in dieser Nacht ins Campo Bahia gehört zu den schönsten Erlebnissen meines Trainerlebens und meines Lebens überhaupt. Noch heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. 7:1, dass man ein Spiel auch auf eine solche Art und Weise gewinnt, war etwas, dass ich mir noch irgendwie hatte vorstellen können. Unvorstellbar war die Reaktion der Brasilianer. Nach dem Flug nach Salvador sind wir durch die Nacht und in den Morgen hinein mit dem Bus die Küste entlang ins Campo Bahia gefahren. Und der Wegesrand war gesäumt von Menschen in gelb, grün und blau, von Fans der Selecao. Frauen, Kinder und Männer standen dort. Und was haben diese Menschen, die gerade mit dem 1:7 einen gewaltigen Schlag zu verarbeiten hatten, gemacht? Es gab keine Feindseligkeit, keine Aggressivität – wir wurden gefeiert.

'Germania, Germania', haben sie gerufen. Ich räume ein, dass ich etwas anderes erwartet hatte. Ich hatte Wut und Zorn erwartet, und ich hätte das nachvollziehen können. Immerhin hatten wir den Brasilianern gerade die wohl größte Niederlage ihrer Geschichte zugefügt, Buhrufe und Pfiffe hätte ich niemanden verübeln können. Heute tut mir diese Einschätzung leid. Diese Reaktion der Brasilianer hat mich berührt und tief bewegt. Ich finde: Sie trifft auch eine Aussage über Charakter und Mentalität der Brasilianer. Sie war aber auch eine Reaktion darauf, dass wir faire Gewinner waren. Unsere Gesten nach dem Spiel hatten Wirkung. Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller haben sich um Dante gekümmert, Miro Klose war bei Luiz Gustavo, ich habe Felipe Scolari in den Arm genommen. Wir haben während des Spiels viel richtig gemacht - und nach dem Spiel genauso.

Beim Applaus durch die Brasilianer in dieser Nacht hat auch unsere Art des Fußballs eine Rolle gespielt. Als deutsche Nationalmannschaft hatten wir eine größere Akzeptanz als noch die Mannschaften der 80er-Jahre oder der um die Jahrtausendwende. Deutschland stand damals für Kampf, Willen und Effizienz und nicht für 'das schöne Spiel', das der Fußball für die Brasilianer ist. 2014 waren wir eine fußballerisch starke Mannschaft, die auf technisch hohem Niveau agierte. Unsere Spielkultur, Fußballer wie Özil und Kroos, das waren Spieler, für die sich auch Brasilianer begeistern konnten. Es kamen viele Aspekte zusammen, die in Summe dazu führten, dass wir durch ein Meer an Applaus zurück in unser Basecamp gefahren sind.

 Neuendorf an die Weltmeister: "Der DFB ist sehr dankbar"
07.07.2024 08:45 Uhr

Neuendorf an die Weltmeister: "Der DFB ist sehr dankbar"

Heute jährt sich der zweite Weltmeistertitel der deutschen Nationalmannschaft zum 50. Mal. DFB-Präsident Bernd Neuendorf schreibt den Weltmeistern in einem offenen Brief.

Liebe Weltmeister von 1974,

wir stehen noch unter dem Eindruck des Dramas im Viertelfinale der EURO 2024 zwischen Deutschland und Spanien. Euch geht es bestimmt nicht anders. Was für ein Kampf, was für ein Spektakel, was für ein großartiges Fußballspiel! Natürlich hätten wir uns einen anderen Ausgang gewünscht, Bundestrainer Julian Nagelsmann und seine Spieler hatten mehr verdient gehabt. Ihr habt 1974 bei der WM in Deutschland erlebt, wie es ist, ein Turnier in der Heimat zu spielen, wahrscheinlich weiß niemand besser als ihr, wie einmalig ein solches Ereignis ist und wahrscheinlich habt ihr eine Ahnung davon, wie schmerzhaft sich das Aus nun anfühlt. Ihr habt damals den Titel nach Deutschland geholt – wir finden: Auch die aktuelle Mannschaft kann sich als Sieger fühlen. Denn in den vergangenen Wochen hat sie viel gewonnen: Sympathien, Herzen, Achtung und Anerkennung. Deutschland und die deutsche Nationalmannschaft sind wieder vereint, damit wurde geschafft, was wir uns von der EURO erhofft hatten. 

Deutschland erlebt und genießt eine herausragende Europameisterschaft. Wir erleben gemeinsam den Fußball von seiner schönsten Seite, wir erleben, wie unser Sport vereint, wir erleben, wie viel Freude er entfacht, wie groß die Begeisterung in Deutschland und in Europa ist. Wir sehen tolle Spiele, starke Mannschaften und großartige Spieler.

Aktuell überwiegt der Frust über das Aus, aber wir können schon wieder auch das viele Positive sehen und uns über die begeisternden Auftritte unserer Nationalmannschaft freuen. Und wenn wir das tun, dann machen wir dies auch im Bewusstsein der großen Tradition und der einzigartigen Historie dieser Mannschaft. Liebe Weltmeister, der Sommer 2024 ist auch ein Sommer der Jubiläen. Am Freitag haben wir 70 Jahre Wunder von Bern gefeiert, heute nun jährt sich der WM-Titel von 1974 zum 50. Mal – euer Titel. Heute vor 50 Jahren haben Tore von Paul Breitner und Gerd Müller die Partie gegen die Niederlande gedreht, heute vor 50 Jahren hielt Sepp Maier alles, was auf sein Tor kam und Franz Beckenbauer zum ersten Mal den WM-Pokal in den Händen. Am 13. Juli, einen Tag vor dem Finale der EURO 2024, können wir uns an den 13. Juli 2014 erinnern, als Deutschland im Maracanã gegen Argentinien gewann und in Brasilien Weltmeister wurde.

Nicht vergessen dürfen wir die anderen großen Erfolge der Männer-Nationalmannschaft, allen voran den Titel bei der WM 1990 in Rom mit Franz Beckenbauer, Lothar Matthäus, Rudi Völler und Andreas Brehme in den Hauptrollen. Hinzu kommen drei Triumphe bei Europameisterschaften. Die Jahreszahlen 72, 80 und 96 stehen für die Erfolge bei den kontinentalen Titelkämpfen, sie stehen für die Jahrhundertmannschaft, für "Ennatz" Dietz und Kopfball-Ungeheuer Horst Hrubesch sowie für den legendären Leitsatz von Berti Vogts: "Der Star ist die Mannschaft."

In den Jahren und Jahrzehnten hat sich das Gesicht der Nationalmannschaft gewandelt, Spielstile haben sich verändert, genauso die Mentalitäten der Spieler. Und doch hatten die erfolgreichen Teams immer eine ganz besondere Qualität. Sie waren identitätsstiftend. Die Spieler haben mit Willen und Begeisterung für ihr Land gespielt, im Trikot mit dem Adler auf der Brust waren sie großartige Botschafter für unser Land. So war es 1954, so war es 1974, so war es 1990 und so war es auch 2014. Weil es so zentral ist und weil es unterstreicht, dass man selbst nach Niederlagen viel gewinnen kann, sei an das Finale der WM 1966 erinnert. An das Wembley-Tor, als Uwe Seeler und seine Mitspieler in der Niederlage Fairplay, Anstand und Respekt vorlebten und damit für das Ansehen Deutschlands und der Deutschen in der Welt einen wertvollen Beitrag leisteten. 

Liebe Weltmeister von 1974, liebe ehemalige Nationalspieler, der DFB ist sehr dankbar für das, was unsere Nationalspieler seit mehr als 100 Jahren und in mehr als 1000 Spielen geleistet und gegeben haben. Die hohe Stellung des deutschen Fußballs in der Welt ist vor allem eurem Einsatz zu verdanken. Wir werden dies immer zu schätzen wissen und nie vergessen, was ihr für den deutschen Fußball geleistet habt. Vielen Dank!

Bernd Neuendorf
DFB-Präsident

 Zwei Elfer und ein Müller: Der Spielfilm des WM-Finales 1974
07.07.2024 08:30 Uhr

Zwei Elfer und ein Müller: Der Spielfilm des WM-Finales 1974

7. Juli 1974 in München - Finale: Deutschland - Niederlande 2:1

Vor dem Spiel:

Auf der letzten Etappe vor ihrem großen Ziel bezog die Mannschaft in der Sportschule Grünwald Quartier, und weil Franz Beckenbauer ganz in der Nähe wohnte, lud er den Kader am Freitagnachmittag "zu einem Dämmerschoppen mit Musik" (kicker) auf sein Anwesen. Am Abend schauten sich die kommenden Weltmeister einen Western an, am Samstag im TV das Spiel um Platz 3, das ebenfalls in München ausgetragen wurde. Lockerheit vor der maximalen Anspannung im Leben eines Fußballprofis – das WM-Finale. Nur Beckenbauer und Wolfgang Overath hatten schon eines erlebt, die anderen betraten Neuland.

Helmut Schön änderte seine Startelf nicht mehr. Hätte er gewusst, dass Uli Hoeneß in der Nacht vor dem Spiel von Fieberschüben geplagt war ("Ich habe die ganze Nacht durchgeschwitzt") und sich heimlich vom Bayern-Vereinsarzt Medikamente besorgen ließ, er hätte es wohl getan. Es wollte eben keiner den größten Karrieremoment verpassen.

Zwar war Jupp Heynckes wieder fit, musste aber auf die Bank. Im Training musste der zweite Anzug die Niederländer simulieren, Heynckes gab Linksaußen Rob Rensenbrink und Günter Netzer rückte in die Rolle von Johan Cruyff, dem besten Spieler des Turniers, der nicht Stürmer und nicht Mittelfeldspieler war, sondern Spielmacher und Mittelstürmer in einem. Und einer der schnellsten Spieler seiner Zeit. Das war Netzer nie, trotzdem machte er Berti Vogts schwer zu schaffen, doch sein Formanstieg kam zu spät. Für ihn blieb wieder nur ein Tribünenplatz, ebenso wie für Wolfgang Kleff, Herbert Wimmer, Jupp Kapellmann, Dieter Herzog und Helmut Kremers. Schön war mit dem Testspiel gegen Holland zufrieden. "Ich meine, dass wir in diesen Augenblicken da draußen in Grünwald die Grundlagen zu unserem Sieg gelegt haben", schrieb er in seiner Biographie.

Die Mannschaftssitzung am Mittag des Finales "war die kürzeste, die ich je gehalten habe", erzählte Schön später, an Motivation konnte es ja schlecht fehlen. Die internationale Presse trug ihren Teil dazu bei. Schön will den Spielern gesagt haben: "Ihr seid also nur Außenseiter. Das wisst ihr ja nun. Nach allem, was man in der ausländischen Presse liest, sind die Holländer schon Weltmeister. Nun zeigt doch mal, dass ein Außenseiter den Favoriten schlagen kann." Seinem sensiblen Linksaußen Bernd Hölzenbein schärft er ein, Selbstvertrauen auszustrahlen und den Niederländern schon im Kabinengang böse in die Augen zu schauen.

In deren Lager gab es keinen Grund zur Verzagtheit. Sie sonnten sich in dem Gefühl, die bis dahin beste Mannschaft des Turniers zu sein. In der Zwischenrunde gewannen sie alle Spiele, fegten Argentinien 4:0, die DDR und Titelverteidiger Brasilien 2:0 weg. In der Vorrunde gaben sie nur gegen Schweden einen Punkt ab (0:0). Der kicker warnte: "Auf unsere Elf kommt da einiges zu!"  Cruyffs Aussage überraschte niemanden: "Jetzt wollen wir auch den WM-Titel! Ich weiß jedoch, dass Deutschland mit Abstand unser schwerster Gegner wird. Auf jeden Fall glaube ich an ein großes Finale." Auch Oranje-Trainer Rinus Michels änderte seine Elf nicht. Nur die Tonlage, für die Niederländer war es mehr als ein Spiel. In der Teamsitzung erinnerte er die Spieler daran, was ihre Eltern und Großeltern im Krieg durch deutsche Soldaten erlitten hätten. Der Tenor jener Tage: "Wir holen uns die Fahrräder zurück!"

Motiviert bis unter die Haarspitzen, aber nicht ganz sorgenfrei waren unsere Nachbarn. Ihr einziges Problem hatte mit Fußball wenig zu tun. Wie alle Welt kurz vor dem Finale lesen konnte, ließen sie im Waldhotel Krautkrämer in Hiltrop im Swimmingpool die Puppen tanzen und hatten das Pech, dass sich ein deutscher Reporter in die Party-Gesellschaft geschmuggelt hatte. So machte die Bild-Zeitung einen Skandal daraus ("Cruyff, Sekt, nackte Mädchen und ein kühles Bad").

"Einige holländische Spieler, ein paar einheimische Mädchen im Pool – eigentlich harmlos. Weil nicht herauskam, welche unserer Jungs dabei waren, hatten plötzlich alle Probleme mit ihren Frauen", gestand Nationalspieler Arie Haan später. Cruyff jedenfalls tigerte nachts rauchend durchs Zimmer und raubte Johan Neeskens den Schlaf. Der Konzentration auf das Wesentliche war das sicher nicht förderlich und noch Jahre später schoben einige Spieler die Schuld an der Niederlage der deutschen Presse zu.

Dem Rang des Spiels entsprechend, füllte sich auch die Ehrentribüne des Olympiastadions an diesem kühlen Juli-Sonntag. Bundeskanzler Helmut Schmidt und Bundespräsident Walter Scheel, beide erst seit kurzem im Amt, ließen sich das große Spiel nicht entgehen. Bei ihren Finals 1954 und 1966 musste die Nationalmannschaft noch ohne ihren Bundeskanzler auskommen, fortan sollte er (oder sie) nicht mehr fehlen. Ferner saßen im "Kuchenblock" Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Prinz Bernhard der Niederlande und der deutschstämmige US-Außenminister Henry Kissinger. "Normale" Karten wurden auf dem Schwarzmarkt für bis zu 400 DM gehandelt. Der Normalpreis für das teuerste Ticket betrug 80 DM.

Hochklassiges Finale

Spielbericht:

Der Anpfiff verzögert sich, weil niemand an die Eckfahnen gedacht hat. Bei der Schlussfeier, die zuvor erfolgt war, hatte man sie ja nicht gebraucht. Rudi Michel überträgt für die ARD das Spiel, das weltweit rund eine Milliarde Menschen sehen.

Als es endlich losgeht, lassen die Niederländer den Ball vom Anstoß weg mit 13 Kontakten zirkulieren und schießen das erste Tor, noch ehe ein Deutscher das Spielgerät berührt. Uli Hoeneß bremst Cruyff erst im Strafraum regelwidrig, auch wenn Rudi Michel Berti Vogts zum Schuldigen erklärt. Den fälligen Elfmeter verwandelt Johan Neeskens mit einem überaus optimistischen Schuss in die Tormitte. Sepp Maier aber wirft sich aus der Schussbahn. Generationen von Elfmeterschützen wird dieser Schuss als Vorbild dienen, dabei gesteht Neeskens eines Tages: "Ich habe den Ball gar nicht richtig getroffen."

Nach 63 Sekunden führen die Niederländer, es ist das schnellste Tor eines WM-Finales und das erste durch Elfmeter. Er hat Folgen. "Dann haben die Holländer versucht, uns vorzuführen, haben Jojo gespielt. Und nicht damit gerechnet, dass etwas schiefgehen kann", behauptete Hölzenbein später. Vogts, der den Auftrag bekommen hat, Cruyff erst 30 Meter vor dem eigenen Tor zu attackieren, holt sich eine Gelbe Karte ab. Kurz darauf rennt er an den Spielfeldrand zu Schön und teilt ihm mit: "Ich mach' das jetzt auf meine Art." Heißt: konsequente Manndeckung. Schön stimmt unwillig zu.

Die Mannschaft erholt sich allmählich vom Schock, ein Beckenbauer-Freistoß ist die erste Chance. Jan Jongbloed, einer der letzten Torhüter ohne Handschuhe, lenkt über die Latte. Dann sorgt Hölzenbein persönlich dafür, dass etwas schief geht für die Holländer.

In der 23. Minute dringt er in den Strafraum ein und kommt nach einer Attacke von Wim Jansen zu Fall. Foul oder nicht? Bernd Hölzenbein beteuert noch Jahre später: "Ganz klar, es war ein Elfmeter. Zeigt diese Szene im Urwald oder Schiedsrichtern, die sie nie gesehen haben. Ich sage: Alle pfeifen Elfmeter, es geht gar nicht anders." Zunächst ist die Frage "Foul oder nicht?" kein großes Thema. Kommentator Rudi Michel hält sich vornehm zurück und sagt auch nach der Zeitlupe rein gar nichts. Vielleicht raubt ihm die Anspannung die Worte. So wie sie den etablierten Schützen den Mut nimmt. Weder Hoeneß noch der als Schütze Nummer eins eingeteilte Gerd Müller reißen sich um den Ball, und als sich auch Overath abdreht, schnappt ihn sich Paul Breitner mit seinen 22 Jahren. Müller sagt später: "Ich war richtig bös', aber nicht aufgeregt. Ich habe ihn angeschaut und gewusst: Den macht er rein." Eiskalt schiebt Breitner ihn links unten ins Tor zum Ausgleich, und erst als er am nächsten Tag im Hotel die Wiederholung sieht, wird er noch nachträglich nervös. Da realisiert er erst, welche Verantwortung er auf sich geladen hat und wird sich fragen: "Du Riesendepp, was hast du da beim Elfmeter eigentlich zu suchen?" So werden Helden geboren.

Nun kippt das minütlich an Niveau gewinnende Spiel zu Gunsten der Deutschen. Nach 28 Minuten taucht Vogts, an diesem Tag mehr Mittelfeldspieler als Außenverteidiger, plötzlich im Strafraum auf und zwingt Jongbloed zu einer Glanzparade. Nach einem Hoeneß-Solo rettet Wim Rijsbergen vor Müller kurz vor der Linie. "Das Spiel wird besser jetzt", stellt Michel fest, nicht ahnend wie gut es noch werden wird. Um 16.43 Uhr wird Geschichte geschrieben. Rainer Bonhof ist mit Jürgen Grabowskis Pass auf rechts davon gezogen und flankt flach und scharf nach innen auf Müller. Zwei Mann sind bei ihm, aber weil Müller der Ball mit links verspringt und somit wieder einmal das Unvorhersehbare passiert ist, auf das nur er eingestellt zu sein scheint, kommen sie alle zu spät, als er schon mit rechts zum Nachschuss ansetzt.

Flach und unspektakulär zischt der Ball ins Eck, Torwart Jongbloed, wirft sich gar nicht erst. Es ist ja doch nichts zu machen, 2:1. Auf dem Weg in die Kabinen handelt sich Cruyff eine Verwarnung ein, weil er Schiedsrichter Taylor kritisiert hat. Der Favorit zeigt Nerven.

Das Finale ist auch das Duell zwischen Franz Beckenbauer und Johan Cruyff, der tatsächlich zum besten Spieler des Turniers gewählt werden wird. Doch was zählt es im Vergleich zum Weltmeistertitel?

In der deutschen Kabine stellt Schön seine Routinefragen: "Ist jemand verletzt, ist alles in Ordnung mit euren Schuhen?" Dann wird er eindringlich: "Leute, jetzt lasst euch die Weltmeisterschaft nicht mehr wegnehmen! Die Holländer werden mit der Brechstange kommen. Aber ihr kämpft wunderbar. Macht weiter so!" DFB-Mitarbeiter Horst Schmidt fängt sich einen Rüffel von Schön ein, als er ihm mitteilt: "Ich kümmere mich schon mal um den Sekt." Schön: "Bist Du verrückt? Ist nachher noch Zeit dafür…" Erst müssen sie ihn sich verdienen und das ist ein hartes Stück Fußballarbeit. In den kommenden 45 Minuten wird auf höchstem Niveau gekämpft und niemand wird bestreiten, dass die Niederländer feldüberlegen sind. Aber sie müssen ja auch ein Tor aufholen. Oft liegt es in der Luft, aber es fällt nicht.

Nicht, als der von Vogts behinderte Maier sich eine Ecke fast ins eigene Tor faustet und Breitner den Ball von der Linie köpft (52.). Nicht, als Neeskens aus spitzem Winkel einen Volleyschuss aufs kurze Eck absetzt, weil Maier zur Stelle ist (73.). "Da müssen wir uns bei Maier aber bedanken", fordert Michel. Und auch nicht, als Johnny Rep mit langem Bein aus drei Metern an eine Suurbier-Hereingabe an den Ball kommt, diesen aber um Zentimeter neben den linken Pfosten setzt. Michel hat schon "Tor" gerufen, wenn auch nicht sehr begeistert. "Was sich in der zweiten Halbzeit vor unserem Tor abspielte, ließ einem die Haare zu Berge stehen", schrieb Schön in seinen Memoiren.

Auch auf deutscher Seite fällt kein Tor mehr, obwohl Müller nach 59 Minuten noch eines nachlegt. In die gefürchtete Abseitsfalle der Holländer tapsen diesmal die Schiedsrichter, denn es ist eine Fehlentscheidung. Auch darüber regt sich keiner groß auf, es ist noch nicht die Zeit der Rudelbildungen. Als Hölzenbein in der 86. Minute vermeintlich einen zweiten Elfmeter herausholt, wird es ihm verwehrt und das allerdings regt Rudi Michel auf: "Aber, aber Herr Taylor, da muss man auch mal den Mut haben, einen zweiten Elfmeter zu geben." So müssen sie bis zur letzten Sekunde zittern. Dann ist Deutschland zum zweiten Mal Weltmeister und die Spieler drehen mit dem neuen Weltpokal, den Franz Beckenbauer als erster anfassen darf, eine Ehrenrunde.

Holland hat dagegen sein Trauma. Die tausendfach geäußerte Empfindung unserer Nachbarn: Die beste Mannschaft des Turniers habe das wichtigste Spiel verloren und sich um den verdienten Lohn gebracht. "Dies hätte nie passieren dürfen", schreibt das Algemeen Dagblad. Und so denken sie bis heute.

Der niederländische Autor Auke Kok hat das Trauma in einem Buch verarbeitet mit dem Titel "Wir waren die Besten", das 2004 zum besten Sportbuch im Lande gekürt wurde. Im Mai 2006 allerdings erkannten Sportwissenschaftler der Universität Groningen den deutschen Sieg an. Sie hatten ein System entwickelt, die Leistungen der einzelnen Spiele zu bewerten und Deutschland siegte mit 6,1 zu 5,7 Punkten – fünf Spieler von Oranje seien unter ihrem Leistungsvermögen geblieben.

Sicherer als derlei Thesen ist indes dieser Fakt: Wieder hatte die Mannschaft verloren, die im Finale in Führung gegangen war – schon zum siebten Mal trat dieser kuriose Fall ein. Und zum zweiten Mal profitierte davon der deutsche Fußball.

Aufstellung: Maier – Vogts, Beckenbauer, Schwarzenbeck, Breitner – Bonhof, Overath, Hoeneß – Grabowski, Müller, Hölzenbein.

Tore: 0:1 Neeskens (2., Foulelfmeter), 1:1 Breitner (25., Foulelfmeter), 2:1 Müller (43.)

Zuschauer: 77.833

"Glück hat nur der Tüchtige"

Stimmen zum Spiel:

Helmut Schön: "Sie können verstehen, dass ich heute ein sehr glücklicher Mensch bin. Unsere Mannschaft hatte am Tag nach der Niederlage gegen die DDR eine handfeste Aussprache und sich danach vorgenommen, unsere Zuschauer zufrieden zu stellen und möglichst weit zu kommen. Wir wissen, dass wir in der ersten Halbzeit besser gespielt haben. Trotz aller Vorsätze war es uns nicht möglich, diese Linie fortzusetzen, weil die Holländer in der zweiten Halbzeit mit der Brechstange gekommen sind. Mich hat heute nur das Ergebnis interessiert und das lautete 2:1 für uns. Wären die Holländer echt besser gewesen, hätten sie wohl gewonnen."

Rinus Michels: "Es tut weh, wenn man so anfangen muss, aber ich möchte allen Deutschen zu ihrer Mannschaft und zum Weltmeistertitel gratulieren. Die deutsche Mannschaft hat in der letzten halben Stunde der ersten Halbzeit von der Schwäche meiner Spieler profitiert. Das 2:1 zur Pause war gerecht. In der zweiten Halbzeit haben die Deutschen gut verteidigt. Der Torhüter hatte das Glück, das man braucht, um ein Spiel zu entscheiden. In der zweiten Halbzeit haben aber auch die Holländer in einem Spiel zweier ausgezeichneter Mannschaften für meinen Geschmack zu stark dominiert. So sollte ein Finale nicht aussehen."

Helmut Schmidt (Bundeskanzler): "Beckenbauer ist für mich der weltbeste Fußballspieler und das hat er wieder bewiesen."

Hermann Neuberger: "Aufgrund der ersten Halbzeit ein verdienter Sieg. Den Schock mit dem Elfmeter-Tor hat unsere Mannschaft gut verkraftet. Nach der Pause hatten wir Glück, aber Glück hat nur der Tüchtige."

Paul Breitner: "Ich wusste sofort: Den schieße ich. Ich habe nur gewusst, dass dieser Elfmeter für uns entscheidend für den Spielausgang sein würde, und habe nur ein Ziel gekannt: den Ball im Netz unterzubringen."

Wim van Hanegem (Niederlande): "Deutschland hat den Weltpokal nicht gewonnen, wir haben ihn verloren!"

Johan Neeskens (Niederlande): "Der Elfmeter kam viel zu früh. Wir haben dann unsere Taktik geändert und das war falsch."

Johan Cruyff (Niederlande): "Erstmals spielten wir gegen eine Mannschaft, die sich ein ganz bestimmtes System ausgedacht hatte und es auch durchführte. Außerdem fehlte uns ein Mann wie Gerd Müller."

"Auf diese Elf kann Deutschland stolz sein! Herzlichen Glückwunsch der deutschen Nationalmannschaft, die in einem der dramatischsten und mitreißendsten Endspiele der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaft Holland mit 2:1 besiegte. Es war ein nahezu beispielloser Kampf." (kicker)

"In einem taktisch und technisch großartigen Finale, das reich an Dramatik und Höhepunkten war, hätten ebenso gut die Holländer triumphieren können. Die Niederländer verlangtem ihrem Gegner alles ab, gingen aber letztlich doch mit fliegenden Fahnen unter." (Süddeutsche Zeitung)

"Das war eine kalte Dusche! Nicht Gold, sondern Silber! Und nur die Nummer eins zählt. Das bedrückt die Männer von Rinus Michels, vor allem angesichts der Gewissheit, dass sie die Westdeutschen in der zweiten Spielhälfte dieses erregenden Finales deklassiert haben. Sie haben keine Tore mehr geschossen, aber eine tolle Show gezeigt. Die bessere Mannschaft wurde nicht belohnt. Zu sehr hat sie sich nach ihrem frühen Vorsprung gefühlt, danach mangelte es am letzten Biss, das Spiel wieder herumzureißen." (De Telegraaf/Niederlande)

"Es war das beste Finale aller Zeiten." (Corriere dello Sport/Italien)

"Das Endspiel wurde zu einem der mitreißendsten Momente in der Geschichte des Sports – zu einem Abenteuer, das man nie vergisst." (L'Equipe/ Frankreich)

 Heute vor 50 Jahren: Weltmeister dahoam
07.07.2024 08:15 Uhr

Heute vor 50 Jahren: Weltmeister dahoam

Heute vor 50 Jahren wurde Deutschland, ebenfalls an einem Sonntag, zum zweiten Mal Weltmeister. Und zum einzigen Mal im eigenen Land. Es war ein geplanter Erfolg, obwohl nicht alles nach Plan lief. Der Weg von Malente nach München war wie ein Hindernislauf: voller Hürden und Pfützen, aber er endete im Triumph.

Selten hatte ein Gastgeber mehr Druck als Deutschland 1974. Nach dem EM-Triumph 1972 schwärmte die Weltpresse schon vom "Fußball 2000", und als die Münchner Bayern einen Monat vor dem Turnier erstmals den Europapokal der Landesmeister gewannen, war die Favoritenrolle zementiert.

Prämiendiskussion in Malente

Im Kader von Helmut Schön, der traditionell in der Sportschule Malente Quartier bezog, standen sieben Bayern-Stars. Vorab gab es im hohen Norden vor allem ein Thema: die Prämien. Der DFB wollte nur 30.000 DM zahlen, doch die Konkurrenz teilweise das Dreifache. So kämpften die WM-Stars noch vor dem ersten Anpfiff erst mal ums Geld. Nach 15 turbulenten Verhandlungsstunden, während denen sowohl Schön als auch Rädelsführer Paul Breitner abreisen wollten, gab es mit Hilfe von Ausrüster adidas eine Einigung: 70.000 DM pro Kopf. Die Stimmung hob sich in der Vorrunde aber nicht.

Einen Tag nach dem dritten torlosen Eröffnungsspiel in Folge zwischen Brasilien und Jugoslawien startete die DFB-Auswahl ins Turnier. In Berlin, damals noch eine geteilte Stadt, traf sie auf Chile. Schon nach 16 Minuten glückte Paul Breitner mit einem Weitschuss aus 25 Metern das Tor des Tages. Mehr gelang nicht gegen die defensiven Südamerikaner.

Souveräner Sieg gegen Chile

"Mannschaften wie Chile verderben die Spiellaune", fand der kicker. Missgelaunt war auch das Publikum, viele der 85.000 Zuschauer verabschiedeten die Spieler mit Pfiffen. Eine WM-Premiere mit vier Jahren Anlauf bekamen sie immerhin zu sehen: Der Chilene Carlos Caszely sah die erste Rote Karte nach deren Einführung 1970. Auch die 20-minütige Überzahl verhalf den Deutschen zu keinem überzeugenden Ergebnis, das es vier Tage später in Hamburg gegen WM-Neuling Australien geben sollte.

"Heute schießen wir uns ein!", titelte der kicker optimistisch und bekam nur zur Hälfte recht. Denn auch das 3:0 stellte niemanden so recht zufrieden im Lager des WM-Favoriten. Wolfgang Overath, dem Schön den Vorzug vor Günter Netzer gab, sein Kölner Teamkollege Bernd Cullmann und Gerd Müller schossen die Tore, aber das Hamburger Publikum pfiff die Sieger in den letzten zehn Minuten eines langweiligen Kicks aus. Es gipfelte in hämischen "Uwe, Uwe"-Rufen, doch Lokalmatador Uwe Seeler war seit zwei Jahren nicht mehr aktiv. Es war beinahe grotesk: Ohne Gegentor und Punktverlust hatte sich der WM-Favorit vor dem Bruderduell mit der DDR bereits für die neuartige Zwischenrunde, die erneut Gruppenspiele vorsah, qualifiziert. Nur die Herzen hatte der kommende Weltmeister noch nicht erobert.

Duell der Brüder

Dazu war auch das dritte Gruppenspiel nicht angetan. Die ganz große sportliche Brisanz war zwei Stunden vor Anpfiff gewichen, als sich herausstellte, dass beide Teams sicher in die Zwischenrunde kommen würden, da Chile gegen Australien nur 1:1 gespielt hatte. Dennoch war die Stimmung im Kader des Gastgebers gedämpft. "In Malente wird man wahnsinnig", zitierte die Bild in großen Lettern Franz Beckenbauer am 20. Juni, nachdem man "drei Wochen eingesperrt" gewesen war. Aus Angst vor Terroranschlägen wie bei den Olympischen Spielen zwei Jahre zuvor durften die Spieler das Quartier nur selten und dann in Gruppen verlassen.

Aber die Trainingsbelastung – zwei Einheiten täglich – war wiederum nicht im Sinne der Stars und so suchte Beckenbauer Schöns Zimmer auf, um die Sorgen der Mannschaft zu überbringen. "Nach drei Wochen Training fiel uns buchstäblich die Decke auf den Kopf, weil es an Abwechslung mangelte. 1966 und 1970 war das anders gewesen, da hatten wir Malente nach 14 Tagen verlassen und waren in ein anderes Land gefahren. Diesmal litten wir unter der Monotonie des Ortes, zumal uns die Sicherheitsbestimmungen kaum Bewegungsfreiheit ließen. Ich erklärte dem Bundestrainer, dass wir fast alle ziemlich nervös seien und einige sich übertrainiert fühlten. Er hat das sofort eingesehen und meinem Vorschlag entsprochen, das Programm in jeder Beziehung etwas aufzulockern", schrieb Beckenbauer in seinem WM-Buch.

Erneut Pfiffe nach Niederlage gegen DDR

Auf die Leistung hatte das zunächst keine Auswirkung. Zwar hatte Schön noch am Spieltag verkündet: "Es ist ein WM-Spiel, das wir gewinnen wollen. Die Spieler haben versprochen, zu kämpfen und mit Volldampf zu spielen." Aber auch nach ihrem dritten Auftritt erntete der große Favorit Pfiffe - und diesmal stimmte nicht mal das Ergebnis. Gerd Müller traf den Pfosten, Jürgen Grabowski aus zwei Metern das Tor nicht.

Die ausgeglichene Partie verlief im Übrigen fairer, als es erwartet wurde. Nach dem Spiel wurden sogar Trikots getauscht – aber aus Angst vor kritischen Nachfragen der Partei im Schutze der Kabinen. Das blaue Trikot mit der Nummer 14 sollte von besonderem Wert sein. Denn ein gewisser Jürgen Sparwasser aus Magdeburg war der einzige Deutsche, der an diesem kühlen Hamburger Sommerabend ein Tor schoss. Eines, das ihn unsterblich machte.

Das Tor, das am 22. Juni 1974 um 21.04 Uhr fiel, ist längst Legende. Sparwasser hat später gesagt. "Wenn ich mal sterbe, muss auf dem Grabstein nur 'Hamburg 1974' stehen und jeder weiß, wer drunter liegt." 1998 erschien sogar ein Buch mit dem Titel "Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor fiel?". Seine Popularität erschien den Verantwortlichen des Teams von Georg Buschner schon mit Abpfiff so groß, dass sie ihm einen spontanen Reeperbahn-Bummel mit den Kameraden verboten. "Ich durfte nicht mit. Man hatte Angst, dass ich auf der Straße erkannt werde", erzählte Sparwasser.

Lange Nacht von Malente

Über die BRD-Spieler ergoss sich derweil der Zorn der Öffentlichkeit. "So nicht, Herr Schön!", titelte die Bild am Sonntag. Das ging Franz Beckenbauer noch nicht weit genug. Schon im Bus faltete der Kapitän die Mitspieler zusammen, "vor allem dem Uli Hoeneß habe ich gesagt, dass ihm im nächsten Spiel gegen Jugoslawien der Aufenthalt auf der Ersatzbank guttun würde".

Er sagte noch viel mehr in der langen Nacht von Malente, das man jetzt als Gruppenzweiter verlassen konnte. Während der gebürtige Dresdener Helmut Schön nach kurzer Standpauke mit Magenschmerzen ins Bett ging, redeten die Führungsspieler in der Küche Tacheles. "An Schlaf dachte niemand und ich putzte jeden runter, der mir vor die Augen kam. Ich tat eben das, was der Bundestrainer wohl auch gemacht hätte, wozu er aber viel zu vornehm gewesen ist", erzählte der plötzlich so wilde Kaiser. In diesen Stunden, erzählt man sich, entstand in der Küche von Malente der Weltmeister 1974.

Im Nachhinein schadete es wohl auch nicht, Gruppenzweiter geworden zu sein. Die DDR jedenfalls stand in der Zwischenrunde gegen Brasilien, die Niederlande und Argentinien auf verlorenem Posten. Für das Schön-Team dagegen begann die Zeit der Siege. Gegen Jugoslawien stand in Düsseldorf jedenfalls eine völlig andere Mannschaft auf dem Platz – auf vier Positionen umformiert und in den Köpfen komplett umprogrammiert.

Spektakel gegen Schweden

Diesmal schien sogar die Sonne, und als Paul Breitner wie gegen Chile wieder aus der zweiten Reihe traf, lief es endlich. Gerd Müller sorgte nach Vorarbeit des eingewechselten Hoeneß für die Entscheidung - und schon schlug das Stimmungsbarometer wieder in die andere Richtung aus: "2:0! So schaffen wir das Endspiel!", titelte der kicker und lobte: "Es hat sich ausgezahlt, dass nun hungrige Spieler in unserem Team standen."

Im nächsten Spiel der Gruppe B traf Deutschland auf die Schweden, für die es nach dem 0:1 gegen Polen schon um alles ging. Im Dauerregen von Düsseldorf sahen 67.000 Fans am 30. Juni bei kühlen 16 Grad einen heißen Kampf, der einen deutlichen Beleg für die neue Moral des Favoriten lieferte. Nach dem Pausenrückstand drehten die Deutschen das Spiel und gingen durch Overath und Rainer Bonhof binnen zwei Minuten in Führung, um postwendend den Ausgleich zu kassieren. Drei Tore in drei Minuten – es war nichts für schwache Nerven.

Die erste und die zweite Wasserschlacht

Dann schlug wieder die Stunde von Jürgen Grabowski, der sich schon 1970 in Mexiko einen Ruf als idealer Joker gemacht hatte. Zwölf Minuten nach seiner Einwechslung überwand der Frankfurter Torwart Ronnie Hellström. Das bis dahin dramatischste Spiel der WM entschied mit Uli Hoeneß, der einen Elfmeter verwandelte, ein zweites Opfer von Beckenbauers Wutrede. Grabowski und Hoeneß hatten ihre Chance zur Wiedergutmachung genutzt und so fand sich in der Schlussphase des fünften Spiels die Elf, die den Titel holen sollte. "Ein Spiel, das uns von den Sitzen riss", wertete der kicker die Wasserschlacht von Düsseldorf, der eine noch berühmtere folgen sollte.

Im letzten Gruppenspiel warteten die Polen, und obwohl es der Modus nicht zwingend vorsah, war es quasi ein Halbfinale, denn der Sieger würde am 7. Juli in München spielen. Doch es musste nicht unbedingt einen geben, das bessere Torverhältnis erlaubte den Deutschen ein Remis, da Polen gegen Jugoslawien in Frankfurt nur 2:1 gewonnen hatte. Grzegorz Lato, mit sieben Treffern Torschützenkönig dieser WM, erzielte wie gegen Schweden das Siegtor und war bei diesem Turnier das, was Gerd Müller für die Deutschen war – der Mann für die entscheidenden Tore.

40 Minuten Verzögerung wegen Dauerregen

Am 3. Juli machte Müller den Unterschied in einem Spiel, das wohl nie wieder unter vergleichbaren Umständen stattfinden würde. Der Himmel öffnete am Nachmittag knapp 90 Minuten vor Anpfiff seine Schleusen wie nie zuvor bei dieser Regen-WM, 14 Liter pro Quadratmeter gingen nieder und "die Regentropfen sprangen einen halben Meter vom Boden hoch", erinnerte sich der Schiedsrichter Erich Linemayr aus Linz. 40 Minuten dauerte der Spuk und hinterließ auf dem Rasen des Waldstadions eine Seenlandschaft.

Ein FIFA-Funktionär klopfte besorgt an Linemayrs Kabinentür und fragte, ob er sich "das da draußen mal ansehen" könne. Was er sah, brachte Linemayr in die Bredouille. 60.000 Menschen waren trotz allem gekommen, Millionen saßen an den Bildschirmen und der Terminplan sah eigentlich keinen Spielraum vor. Eine Absage hätte dazu geführt, dass das Finale am Montag ausgetragen worden wäre – und wer wollte das schon?

Linemayr beriet sich mit seinen Assistenten und beschloss, es zu wagen. Mit 40 Minuten Verzögerung pfiff er an. In der Zwischenzeit hatten Ordner und Feuerwehrleute einen rührenden Kampf gegen die Fluten gekämpft und mit Walzen und Schläuchen so viel Wasser wie möglich vom Platz gedrängt. Im ARD-Studio wurden zur Überbrückung derweil Zuschauerfragen eingespielt, und ein Herr wollte von Braunschweigs Trainer Walter Johannsen als Experten wissen, ob eigentlich barfuß gespielt werden dürfe.

Schön: "Demonstriert Selbstvertrauen und Stärke"

Am besten wäre wohl gar nicht gespielt worden, zu oft blieben eigentlich gut getimte Pässe in Lachen liegen und mancher Dribbler verlor den Ball unterwegs nicht an einen Gegenspieler, sondern in einer Pfütze. Die Wasserschlacht von Frankfurt wurde dessen ungeachtet ein legendäres Fußballspiel, in dem der deutsche Torwart Sepp Maier über sich hinaus wuchs und den Sieg festhielt, den wieder mal ein Müller-Tor (75.) möglich machte.

Uli Hoeneß verschoss zuvor noch einen Elfmeter, aber es war egal – zum dritten Mal hatte Deutschland ein WM-Finale erreicht. DFB-Vize Hermann Neuberger war nicht nur darüber froh, sondern auch über das Einhalten des Terminplans: "Organisatorisch wäre es für uns eine Katastrophe gewesen!" Kritik mussten sich die Organisatoren dennoch gefallen lassen. "Der Frankfurter Rasen ist eine Weltmeisterschaftsblamage!", mäkelte der kicker.

Am 7. Juli 1974 trafen zwei sich nicht allzu freundlich gesonnene Nachbarn in München aufeinander: Deutschland und die Niederlande. Es war kein normales Spiel, gewiss nicht. Für die elf Deutschen war es das Spiel ihres Lebens. Helmut Schön bereitete sein Team darauf vor und befahl: "Junge, wenn ihr ihnen gegenübersteht, dann schaut euren Gegenspielern in die Augen, ganz tief. Demonstriert Selbstvertrauen und Stärke."

Ob sie ihm zugehört hatten, mussten sich dann die Fans fragen, als die Niederländer schon in der 2. Minute in Führung gingen. Johan Neeskens drosch einen von Uli Hoeneß an Johan Cruyff verschuldeten Elfmeter Vollspann in die Tormitte. Aber auch Deutschland bekam einen Elfmeter. Der 22-jährige Paul Breitner, obwohl nicht vorgesehen als Schütze, fühlte sich in diesem Moment aber berufen und glich souverän aus (25.).

Beckenbauer bekommt neuen Pokal

Und dann kam er wieder, der Moment, den alle Gegner fürchteten: wenn ein Gerd Müller im Strafraum zum Schuss kommt. Auf Flanke Rainer Bonhofs traf er nach eigentlich missglückter Ballannahme im Nachsetzen per Drehschuss zum 2:1 (43.) und ARD-Reporter Rudi Michel kommentierte trocken: "Tore, die Müller macht. Die eigentlich nur Müller macht!"

Weil danach kein Tor mehr fiel, hatte das deutsche Team sein Ziel erreicht. Als Erster bekam Franz Beckenbauer den neuen WM-Pokal, nachdem Brasilien den alten hatte behalten dürfen. (lesen Sie hier den Spielfilm zum Spiel nach).

Von den 22 Spielern, die ihr Land beim ersten Heimturnier vertraten, leben noch 16. Gestorben sind Heinz Flohe (2013), Gerd Müller (2021), Jürgen Grabowski (2022), Horst-Dieter Höttges (2023), Franz Beckenbauer und Bernd Hölzenbein (2024). Für die deutschen Fußball-Fans sind sie alle unvergessen.

Oranje nach Aufholjagd im EM-Halbfinale
06.07.2024 22:55 Uhr

Oranje nach Aufholjagd im EM-Halbfinale

Nervenstarke Niederländer haben im türkischen Hexenkessel von Berlin das EM-Halbfinale erreicht und die Türkei nach dem Wolfsgruß-Eklat aus dem Turnier geschossen. Das Team von Bondscoach Ronald Koeman gewann das hochbrisante Viertelfinale im Berliner Olympiastadion dank einer Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit mit 2:1 (0:1) und darf damit weiter vom zweiten EM-Triumph auf deutschem Boden nach 1988 hoffen.

Ausgerechnet Samet Akaydin (35. Minute), der für den wegen seines Wolfsgrußes gesperrten Merih Demiral in die Startelf rückte, hatte die Türken vor den Augen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und des ehemaligen deutschen Nationalspielers Mesut Özil in Führung gebracht. Stefan de Vrij (70.) und ein Eigentor von Mert Müldür (76.) drehten die Partie und sorgten für eine ausgelassene Oranje-Party. Im Halbfinale warten am Mittwoch die bislang wenig überzeugenden Engländer. In der Nachspielzeit gab es noch Rot für die türkische Bank.

Für die Türken hat die EM nach den politischen Turbulenzen wegen des höchst umstrittenen Wolfsgruß-Jubels des daraufhin für zwei Spiele gesperrten Demiral auch sportlich ein bitteres Ende gefunden. Dabei hatten sie zunächst dem Druck getrotzt und waren über weite Strecken das leicht bessere Team gewesen. Den Traum vom ersten Halbfinaleinzug bei einer EM seit 16 Jahren zerstörten sie sich durch Unkonzentriertheiten in der Schlussphase.

Özil hinter Erdogan 

Im dunklen Anzug und mit roter Krawatte verfolgte der nur für das Spiel nach Berlin gereiste Erdogan zusammen mit Ehefrau Emine die Partie auf der VIP-Tribüne, direkt hinter ihm nahm der deutsche Ex-Nationalspieler Özil Platz. Vor dort konnten sie auch sehen, wie viele türkische Fans beim Abspielen der Nationalhymne den Wolfsgruß zeigten. 

Zuvor war schon der Fanmarsch zum Stadion von der Polizei vorzeitig beendet worden, weil die türkischen Anhänger fortlaufend den Wolfsgruß gezeigt hatten. Die Polizei schrieb beim Kurznachrichtendienst X: Ein Fanmarsch sei "keine Plattform für politische Botschaften". 

Ein EM-Spiel auch nicht, befand die UEFA und sperrte deswegen Demiral. Der 26-Jährige hatte gegen Österreich das Symbol der "Grauen Wölfe" gezeigt. So werden die Anhänger der rechtsextremistischen "Ülkücü-Bewegung" bezeichnet, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird. All das hatte das Hochrisikospiel zusätzlich aufgeheizt.

Leidenschaftliche Türken, verspielte Holländer

Die Türken gingen mit reichlich Trotz in die Partie. "Wir werden sogar noch leidenschaftlicher und stolzer sein", hatte Trainer Vincenzo Montella angekündigt, gleichzeitig von seinen Spielern aber auch gefordert: "Wir müssen unsere Emotionen drosseln."

Wie wichtig diese Balance ist, zeigte die Anfangsphase. Die niederländische Offensive mit den trickreichen Cody Gakpo, Xavi Simons und Memphis Depay lief mit viel Tempo auf das gegnerische Tor zu, wirkte dabei aber oft zu verspielt. Die Türken verteidigten mit Zweikampfhärte und Leidenschaft - und erarbeiteten sich ab Mitte der ersten Halbzeit auch mehr Ballbesitz. 

Auch bei Standards von Hakan Calhanoglu, der nach abgesessener Gelbsperre im zentralen Mittelfeld neben dem Dortmunder Salih Özcan wieder Regie führte, kam Gefahr auf. So fiel auch die Führung: Nach einer Ecke des Ex-Bundesligaprofis landete der Ball bei Arda Güler, und der 19-Jährige servierte Torschütze Akaydin eine maßgeschneiderte Flanke auf den Kopf. Demiral applaudierte auf der Tribüne und lachte - auf eine erneute provokante Geste verzichtete er aber.

Weghorst belebt das Oranje-Spiel

Bondscoach Koeman reagierte zur Pause und brachte Super-Joker Wout Weghorst für den enttäuschenden Steven Bergwijn. Der in der Vorsaison an Hoffenheim ausgeliehene Weghorst sorgte auch für mehr Schwung im Angriffsspiel von Oranje. Die Türken wagten sich nun weniger nach vorne, hatten durch Gülers Pfosten-Freistoß (56.) und Kenan Yildiz (65.) gute Chancen auf das 2:0. Doch dann folgte die erfolgreiche Aufholjagd für die in der Schlussphase deutlich besseren Niederländer. Sie hielten den anstürmenden Türken stand, vor allem Keeper Bart Verbruggen zeichnete sich entscheidend aus.

Ausgerechnet vom Punkt! England zittert sich ins Halbfinale
06.07.2024 20:41 Uhr

Ausgerechnet vom Punkt! England zittert sich ins Halbfinale

Nach dem Schuss ins Glück entlud sich die Anspannung der englischen Fußball-Nationalmannschaft in Freudentaumel. Siegtorschütze Trent Alexander-Arnold drosch den Ball auf die Tribüne und genoss den ausgelassenen Jubel der Fans. Mit einem 5:3 (1:1/1:1/0:0) im Elfmeterschießen gegen die Schweiz wendeten die Three Lions dank Torhüter Jordan Pickford das drohende EM-Aus ab und zogen ins Halbfinale ein.

Der Schweizer Manuel Akanji als tragischer Held des Spiels war dagegen untröstlich. Der frühere Profi von Borussia Dortmund scheiterte im Nervenkrimi als einziger Elfmeterschütze an Pickford.

Nach 120 Minuten hatte es in dem Viertelfinale 1:1 gestanden. Vor 46.533 Zuschauern in Düsseldorf glich Englands Bukayo Saka (80.) die Führung der Eidgenossen durch Breel Embolo (75.) aus.

Alexander-Arnold: "Viel Charakter gezeigt"

Wie schon im Achtelfinale gegen die Slowakei (2:1 n.V.) zeigten die Three Lions Comeback-Qualitäten. "Das Team hat viel Charakter gezeigt, viel Glaube, viel Überzeugung, viel Herzblut auch. Und genau dann, als es drauf ankam, haben wir es hinbekommen", sagte Alexander-Arnold nach dem glücklichen Sieg.

Kommender Gegner des als Mitfavorit gehandelten Starensembles ist am Mittwoch (21.00 Uhr) in Dortmund der Sieger der wenige Stunden später ausgetragenen Partie zwischen den Niederlanden und der Türkei.

Für die Eidgenossen ist dagegen der Traum von einem historischen Coup und dem ersten Einzug in die Runde der letzten vier Teams bei einer EM zu Ende. Nach bisher starken Auftritten in der Gruppenphase und dem überzeugenden Achtelfinal-Erfolg über Italien (2:0) fehlte dem mit zahlreichen Bundesliga-Profis besetzten Team von Trainer Murat Yakin das Glück. "Wir haben gekämpft und alles dafür getan, dass das Märchen weitergeht. Wir waren nahe dran, am Schluss hatten die Engländer die besseren Nerven", sagte Offensivspieler Xherdan Shaqiri.

In seinem 100. Spiel auf der englischen Trainerbank verzichtete Southgate erneut auf Experimente in der Startelf - ungeachtet der vielen kritischen Stimmen über seine nahezu unveränderte Personalauswahl in den vergangenen glanzlosen Spielen. Doch zum Leidwesen von Tribünengast Prinz William und der vielen englischen Fans machte sich das Vertrauen des Trainers in seine Stammkräfte abermals nicht bezahlt.

Zwar war das Team diesmal mehr um Kontrolle und Tempo bemüht, rief ihr Offensivpotenzial jedoch viel zu selten ab. Bei allen Versuchen, die gut organisierte gegnerische Abwehr ins Wanken zu bringen, mangelte es erneut an Ideen und Durchschlagskraft.

Unbequeme Eidgenossen

Denn die Eidgenossen erwiesen sich als der erwartet unbequeme Gegner. Gemäß der Devise ihres Trainers Yakin kurz vor dem Anpfiff - "Wir erleben das nicht so häufig als kleines Land, wir wollen es genießen" - spielten sie unverkrampft auf. Unbeeindruckt von kurzen Druckphasen der Engländer verloren sie nie die Ordnung.

So bekamen die Zuschauer in der ersten Halbzeit keine einzige zwingende Torchance zu sehen. Die Schweizer waren nur bei einer Hereingabe von Ruben Vargas (9.) der Führung nahe, die Dan Ndoye jedoch knapp verpasste. Auf der anderen Seite wurden zwei Schüsse von Kobbie Mainoo (16./44.) in höchster Not geblockt.

Einziger Aktivposten in der englischen Offensive war Dribbelkünstler Bukayo Saka, dessen Zuspiele von der Außenlinie im gegnerischen Strafraum jedoch zu selten einen Abnehmer fanden. 

Erster Torschuss der Partie nach der Halbzeit

Der erste Schuss auf eines der beiden Tore gelang erst nach der Pause. Doch der Versuch des Schweizer Angreifers Breel Embolo in der 51. Minute aus kurzer Distanz bereitete dem englischen Keeper Pickford keine Probleme.

Diese kurze Aufregung änderte jedoch wenig an der Tristesse. Beide Teams scheuten weiterhin das Risiko und beschränkten sich auf wenige Offensivaktionen. Wenn überhaupt waren es die Schweizer, die ihr Glück versuchten.

Und die Eidgenossen wurden belohnt. Nach Flanke von Ndoye war der ehemalige Schalker und Mönchengladbacher Embolo zur Stelle und drückte den Ball aus kurzer Distanz über die Linie. 

Dieser Treffer sorgte für Belebung. Denn die Antwort der Engländer ließ nicht lange auf sich warten. Der erste Torschuss der Engländer von Saka bescherte mit Hilfe des Innenpfostens den Ausgleich - und die Verlängerung. 

Dort prüfte zunächst Englands Declan Rice den Schweizer Torwart Yann Sommer mit einem wuchtigen Schuss aus der Distanz (95.). Kurz vor dem Ende der Verlängerung traf der eingewechselte Shaqiri mit einem direkt getretenen Eckstoß das Aluminium (117.). Die Schweizer blieben am Drücker, ein Tor fiel in der Verlängerung aber nicht mehr. Im Elfmeterschießen hatten dann die Engländer die besseren Nerven.